Mit einer Vollbremsung ging es los, in der ersten Folge von The Expanse. Ein Eisfrachter auf seiner Route von den Saturnmonden zum Asteroidengürtel empfängt das Notrufsignal eines anderen Schiffes. Aus einem moralischen Pflichtgefühl heraus, das bloß kurz aufblitzt und dennoch das Schicksal aller Menschen in andere Bahnen lenken wird, beschließt der einfältige erste Offizier des Frachters, ein Mann namens James Holden, einen Rettungseinsatz, ganz entgegen der üblichen Gepflogenheiten in diesem Teil des Sonnensystems, im "Belt", wo das brutale Vakuum nur noch Egoisten kennt. Jeder gesichtstätowierte Matrose und Arbeiter unten in den Asteroidendocks denkt hier nämlich zuerst an sich, damit überhaupt einer an ihn denkt.

Holden aber befiehlt nun, anzuhalten und Hilfe zu leisten. Weil im Weltraum die physikalischen Gesetze aus dem Schulbuch deutlicher zur Geltung kommen als hier unten auf der gemütlichen Erde, wissen alle an Bord: Das wird wehtun. Der Frachter dreht sich um seine eigene Achse, bis die Triebwerke in Flugrichtung zeigen, erneut gezündet werden und sie schließlich die Masse des Schiffs nicht mehr beschleunigen, sondern bremsen. Und zwar so eindrücklich, als würde ein bleiernes Düsenflugzeug auf einen Güterzug prallen, der aus einer Riesenkanone geschossen kommt. Die Crew schnallt sich in ihre Crashtest-Sitze, Holden schiebt routiniert wie ein Preisboxer die Beißschienen über seinen Kiefer, dann schießen Injektionsnadeln den Männern und Frauen in den Rücken. Sie pumpen ihnen Zeug ins Blut, das ihren Kreislauf für so ein Manöver erst stabilisieren muss.

Man hätte sich als Zuschauer lieber auch was in die Venen spritzen lassen sollen, um sich auf den Höllenritt vorzubereiten, der folgte. Aus The Expanse wurde die vielleicht atemberaubendste, größte und beste Science-Fiction-Serie seit Langem. Und jetzt, sieben Jahre nach diesem Bremsvorgang, über 60 Folgen später, kommt das Ende – die allerletzte Episode erscheint an diesem Freitag, beim Streamingdienst Amazon.

Blickt man zurück und schaut sich das Manöver aus der Pilotepisode noch einmal an, merkt man schnell: Alles, worum sich diese Serie später drehen sollte, war hier schon angelegt. Es ging um eine zusammengewürfelte Truppe von Weltraumhelden, von denen aber kaum einer, erst recht nicht ihr blasser Anführer Holden, so interessant sein konnte wie die Fronten, zwischen die sie immer wieder gerieten. Es ging um die Gesetze der Physik und die geschundenen Körper, die ihnen genauso unterworfen sind, wie sie den Gesetzen der Geschichte und denen des Kapitals unterworfen sind. Und es ging darum, das alles, was einmal in Gang gekommen ist, sich nur noch schwer aufhalten lässt. Umkehr ist nur möglich, wenn wir dafür bluten. Und selbst dann wird es meist zu spät gewesen sein.

Denn Kraft ist nichts als das Produkt aus Masse und Beschleunigung, "F=ma" lautet die Formel, die Newton dafür fand. Was aber diese Einsicht aus der klassischen Mechanik tatsächlich bedeutet, das wollte uns The Expanse immer wieder vor Augen führen. Die Formel war das Glaubensbekenntnis aller Männer und Frauen, die im Asteroidengürtel die Ressourcenversorgung der Menschheit sicherstellen mussten, die "Belter", von deren Leid und Aufbegehren die Serie erzählt. Die Formel F=ma leitete sie durch ihre Not, die sie so erfinderisch machte, wie sie nie sein wollten. Die Arbeiter mussten sich zum Beispiel ihre eigene Fallbeschleunigung zurechtbasteln, damit sie nicht haltlos durch den Raum schweben und verloren gehen. Sie bohrten sich in einen Asteroiden, zimmerten in diesen Tunnel einen Fußboden hinein, der nicht nach unten, sondern zur Oberfläche zeigt, und versetzten den ganzen Steinbrocken dann in Rotation. So lässt sich da draußen in der Dunkelheit auf dem Asteroiden Ceres eine Anziehungskraft simulieren, die jener auf der Erde wenigstens gleicht und der es einer Million Menschen dort erlaubt, ein Dasein zu fristen, das noch den finstersten Manchester-Kapitalisten aus dem 19. Jahrhundert Mitleid abgerungen hätte.

Denn nicht nur von der Kraft, die Physiker in Newton messen, wurde hier erzählt, sondern auch von den soziologischen und ökonomischen Kräften, die unser Sonnensystem im 23. Jahrhundert verformen und die jene Gemeinschaft der Belter zu zermahlen drohen. Sonst hätte der bekennende Science-Fiction-Fan und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman 2019 nicht ausführlich in der New York Times über die Makroökonomie der Martian Congressional Republic schreiben können – eine der vielen Fraktionen, deren geopolitischen Ambitionen und ideologischen Zwänge in dieser Serie mit denen der Vereinten Nationen oder denen des Kapitals konkurrieren. All diesen Kräften hatten die Belter kaum etwas entgegenzusetzen, bloß ihre Körper, die sie für die Arbeitgeber auf der Erde oder dem Mars verschleißen mussten.

Schon in der ersten Folge damals verlor ein Minenarbeiter seinen Arm, die Kamera zeigte uns das abgetrennte Körperteil, das durch die Schwerelosigkeit rotierte wie einst der Knochen in 2001 – Odyssee im Weltraum. In der letzten Staffel büßt nun wieder ein Belter seinen Arm ein im Kampf ums Überleben und auch er muss wieder darum bangen, dass die Machthaber ihm keine gebrauchte, schmieröl verlierende Mechanikprothese an den Stumpf schrauben, sondern ihn auf jenem Stand der Technik versorgen, den diese Zukunft schon kennt, aber auf die längst nicht jeder zugreifen darf.

The Expanse erzählt also vom Klassenkampf. Aber wo schlechtere Fernsehfantastik ihre erfundene Geschichtsschreibung in Holper-Dialogen umständlich erst hinerklären muss, da konnte sich diese Serie ganz auf ihr Detailreichtum verlassen und die Präzision, mit der hier jede Ecke dieser weiten Welt ausgemalt wurde. Die Belter sprechen ihre eigene Creol-Sprache, eine zukünftige Mischung aus Englisch, Chinesisch, Spanisch, Russisch und allen anderen Sprachen der alten Erde, und in ihren Wörtern und Wendungen klingt stets auch das Ächzen der Unterdrückten nach, die Hilfeschreie der Machtlosen und die Wut derer, die sich gegenseitig sogar um Wasser und Luft bestehlen müssen, um zu überleben. "Bosmang" nennen sie hier den Vorarbeiter wie den Kommandanten eines Schiffes; "beratna", Bruder, nennen sie einander, wenn sie sich versichern wollen, dass sie hier alle "Beltalowda" sind, an der Grenze der Zivilisation – und nicht "Inyalowda", die innen, also näher an der Sonne, in der Goldlöckchen-Zone sich den Wanst vollschlagen. Die Beltalowda sind Arbeiterinnen, Verbrecher, Freiheitskämpfer, Kollaborateurinnen, Terroristen und Piraten, und manche von ihnen waren auch einiges zugleich. Klaes Ashford zum Beispiel. David Strathairn spielte diesen vernarbten alten Freibeuter-Kapitän, der am Ende der vierten Staffel aus einer Luftschleuse entsorgt wurde, weil er sich dem gefährlichsten Mann dieses Sonnensystems in den Weg gestellt hatte, dem überheblichen Schönling Marco Inaros (Keon Alexander), der davon überzeugt war, sich als Erlöser aller Belter in die Geschichtsbücher morden zu können. Wer Klaes Ashford damals in sein Hobbypiratenherz geschlossen hatte, der kann nur darauf hoffen, dass seinen Mörder die gerechte Strafe ereilt. Pashang fong, Marco Inaros!