An telemedialer Politikbeobachtung herrscht kein Mangel. Sieht man schon daran, dass die neue, achtteilige ARD-Politikdoku keinen exklusiven Titel trägt: Die Gewählten (SWR-Redaktion: Andreas Fuchs, Sabina Kist, Ramona Lengert, Patrick Scheuermann) hieß schon Nancy Brandts Dokumentarfilm von 2015, der fünf Neulinge aus allen damals im Bundestag vertretenen Parteien (FDP, CDU, SPD, B'90/Grüne, Linke) vier Jahre lang durch die erste Legislaturperiode begleitet hatte.

So viel Zeit nimmt sich Die Gewählten (Idee und Headautoren: Dominik Bretsch und Simon Hufeisen) nicht, wenngleich sich die ersten vier halbstündigen Folgen von der Tagesschau-Aktualität unterscheiden wollen dadurch, dass sie mehr Zeit als 1'30 mit ihren Hauptfiguren verbringen. Als Neuigkeitspomade schmiert sich die Serie das Auftaktstyling der neuen Regierung ins Haar: dass nun eine neue Zeit mit neuem Politikstil beginne nach "gefühlt 100 Jahren Merkeldynastie". Was lustig formuliert ist, aber leider doch irreführend, weil der Begriff "Dynastie" die Regentschaft aufeinander folgender Familienmitglieder meint. Gefühlt werden soll schon, und damit nichts dem Zufall überlassen bleibt, gibt es mit den WDR-Cosmo-Podcastern Miriam Davoudvandi (Danke, gut) und Jan Kawelke (Machiavelli) zwei Hosts, die durch die Serie führen und Reaktionen demonstrieren können. Beide sind entsprechend oft im Bild zu sehen; in Folge zwei sind es handgestoppte 16'33, bei einer Gesamtlänge von 32'13.

Man muss deswegen nicht in Kulturpessimismus verfallen. Als Nancy Brandt 2009 anfing, ihre Gewählten zu begleiten, nutzte die Bundeskanzlerin noch ein Tastenhandy, es gab weder TikTok noch Instagram, und natürlich beeinflusst der Medienwandel auch die Art und Weise, wie Politik vermittelt wird. Die Gewählten-Serie ist allerdings ein gutes Beispiel, um zu überlegen, was die hier als zeitgemäß eingesetzten Formen dokumentarischen Erzählens taugen.

Welchen Vorteil soll es etwa haben, Jan Kawelke dabei zuzuschauen, wie er durch interessiertes Nicken versucht, den Redefluss einer CDU-Nachwuchspolitikerin am Laufen zu halten? Kawelke tritt überdies oft als Agent von Schnittbildern auf, in denen er nachdenklich an den Orten des politischen Berlins rumsteht, damit die Aufnahmen aus dem Off mit seiner Stimme betextet werden können. Da wird dann beim Warten auf einen Bundestagspolitiker effektvoll versonnen das Blatt einer Grünpflanze im Eingangsbereich angefasst.

Diese relativ billigen Veräußerlichungszeichen von Reflektion sind um so unverständlicher, weil die Serie durchaus selbst versucht, die Inszeniertheit von Politik zu beleuchten. Da schaut dann wiederum Kawelke auf Bilder, die am Ort der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages zu sehen sind, und kommentiert: "Auf den ausgestellten Fotos im Foyer zeigen sich die Koalitionspartner mit großen Gesten, in Schwarz-weiß natürlich." Wenn die Serie die angestrengte Bildpolitik der anderen durchschaut – warum macht sie dann selbst welche?

Ähnlich überflüssig sind die vermeintlichen Chats zwischen Kawelke und Davoudvandi, die ab und zu eine Art Austausch zwischen beiden suggerieren sollen. Da schreibt "Miriam" vor ihrem Treffen mit der Linken-Politikerin Katja Kipping: "Kipping wird Sozialsenatorin in Berlin, hast du gehört?" Jan: "Gerade gelesen! Warum macht sie das?" Miriam: "Werde ich sie gleich fragen. Warte noch bis sie ihr Mandat niedergelegt hat." Ja, es gibt schon tolle Zufälle im Arbeitsleben; immerhin erinnert das fehlende Komma daran, wie die beiden vielleicht tatsächlich miteinander texten würden.

Dass Politik im SWR dynamischer erzählt werden kann als von Chefredakteur Fritz Frey, steht außer Frage. Aber es wäre schon hilfreich, Gegenwartskommunikation nicht nur zu behaupten und anzudeuten. Und es würde auch helfen, wenn sich Die Gewählten klarer wäre über seinen Gegenstand.

Denn einerseits soll es um den neuen Politikstil von SPD, FDP und Grünen gehen, andererseits müssen die Oppositionsparteien trotzdem vorkommen. Das ergibt sechs Leute (Lars Klingbeil, Johannes Vogel, Ricarda Lang, Katja Kipping, Tilman Kuban, Markus Frohnmaier), deren Begleitung vom Wahlabend bis kurz vor heute durch zwei Hosts so intensiv nicht sein kann.