Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Yellowjackets"

"Wir haben einen Flugzeugabsturz überlebt", sagt Jackie (Ella Purnell) in der dritten Folge von Yellowjackets zu ihrer Freundin Shauna (Sophie Nélisse). "Egal, was jetzt noch passiert, das Schlimmste haben wir hinter uns." Diese Feststellung erweist sich im Verlauf der Serie von Ashley Lyle und Bart Nickerson als kolossale Fehleinschätzung. 19 Monate lang müssen sich die Teenagerinnen und einige weitere Überlebende aus ihrem Highschool-Fußballteam in der Wildnis von Ontario durchschlagen. Als man sie endlich findet, sind sie nicht mehr sie selbst.

Yellowjackets erzählt auf zwei Zeitebenen von dieser Verwandlung. Im Jahr 1996 als Horrorserie, die den bröckelnden Zusammenhalt der Fußballspielerinnen mit psychologischer und körperlicher Härte illustriert. 25 Jahre später als Verbindung mehrerer Familiendramen, die am Beispiel von Shauna (Melanie Lynskey), den einstigen Außenseiterinnen Natalie (Juliette Lewis) und Misty (Christina Ricci) sowie der aufstrebenden Politikerin Taissa (Tawny Cypress) zeigen, wie die Überlebenden noch immer von dem Erlebten geplagt werden. Und irgendjemand scheint das ganze Ausmaß der Grausamkeit zu kennen, das die Gruppe damals in Ontario ergriffen hat.

Die unmittelbaren und späteren Auswirkungen eines Flugzeugabsturzes, die an den Mysteryklassiker Lost erinnern, hatte vor einem Jahr bereits das Inseldrama The Wilds aufgegriffen – und als Erziehungsmaßnahme für nervige Teenagerinnen konzipiert. Yellowjackets macht mehr aus seiner Ausgangslage, weil es boshafter und moralisch vieldeutiger ist. Vor allem die ausgezeichnete Auftaktfolge (insgesamt wurden drei vorab gezeigt) etabliert Machtkämpfe, Eifersüchteleien und Skrupellosigkeit innerhalb des Fußballteams in einer Weise, die über gewöhnliches Highschool-Serienfernsehen hinausgeht.
(Daniel Gerhardt)

Die zehn Folgen von "Yellowjackets" laufen ab 28. Dezember auf Sky.

"Queens"

Was kommt, wenn der große Erfolg plötzlich verpufft? Manchmal das Dschungelcamp. Manchmal aber auch das ganz normale Leben, wie die Serie Queens zeigt. Die Nasty Bitches waren vor über 20 Jahren mal die größten weiblichen Hip-Hop-Stars der Welt, doch ihre gemeinsame Geschichte dauerte nicht lange. Brianna (Eve J. Cooper) ist inzwischen Hausfrau und fünffache Mutter, Naomi (Brandy Norwood) versucht sich erfolglos als Singer-Songwriterin und hat kaum Kontakt zu ihrer Teenagertochter, Pfarrerstochter Jill (Naturi Naughton) ist glücklich in ihrem Glauben, aber unglücklich in ihrer heterosexuellen Ehe und Valeria (Nadine Velazquez) hat ihren Job als Moderatorin beim Frühstücksfernsehen verloren. Als eine junge Rapperin den größten Hit des Quartetts aus Queens sampelt, sehen sich die vier Frauen wieder und die Chance für ein Comeback liegt plötzlich in der Luft.

Musik und Drama beherrschen die Serie von Zahir McGhee (Private Practice, Scandal), womit Queens zur würdigen Nachfolgerin von Empire oder Nashville wird. Mindestens so wichtig wie der Blick hinter die Showbusinesskulissen sind Seifenopernelemente, vom krebskranken Ehemann über Vaterschaftsdrama bis hin zu einem Coming-out. Doch im Zentrum der sehr unterhaltsamen Serie steht stets die durchaus komplizierte Freundschaft zwischen den Protagonistinnen. Fans von Hip-Hop und R&B der späten Neunziger Jahre kommen hier voll auf ihre Kosten, für die Musik ist der Rapper Swizz Beatz verantwortlich und drei der Darstellerinnen – Brandy, Eve und Naturi Naughton – wissen aus eigener Erfahrung, wie es damals ganz oben in den Charts gewesen ist.
(Patrick Heidmann)

"Queens" läuft ab 19. Januar bei Disney+