Was für ein wunderbar zwielichtiges Setting, in das der junge Xueming hier irgendwann hineingerät: Die letzten Gäste des Restaurants hängen in ihren Plastikstühlen. Eine Beleuchtungssituation wie aus Spielhalle und Puff bringt die Satintischdecken zum Glänzen. Und dann tritt ein blinder Sänger auf die Bühne dieses Etablissements und führt den titelgebenden Elvis-Song auf, steif und mit Sonnenbrille im Gesicht. Das überschaubare Publikum ist unterdessen tierisch am Schwitzen, denn selbst nachts macht die drückende Schwüle den Menschen in der südchinesischen Millionenstadt Guangzhou noch zu schaffen. 

Irgendwo zwischen Scarface, Provinzdisco und Wong Kar-Wai schwebt dieses Szenenbild, authentisch und gleichzeitig künstlich. Aufnahmen, für die man ins Kino geht (oder derzeit gezwungenermaßen vor dem Bildschirm bleibt), von einem Debüt aber nicht zwingend erwartet. Are You Lonesome Tonight ist der erste Spielfilm des chinesischen Regisseurs Shipei Wen und er ist sich seiner Sache vor allem ästhetisch bemerkenswert sicher. Starke Lichter und sehr viel Schatten, schäbige Orte und ambivalente Figuren, deren Moods und Gemütslagen durch die Tonebene gehaltvoller wirken. Auch dort wechselt sich Hell-Sanftes mit einem unheilvollen Sound ab, der über dem Geschehen lauert. Ein vielversprechender Neo-Noir-Look also für diesen Film, der in den Neunzigerjahren spielt. Können Story und Figuren da mithalten? 

Xuemings Geschichte beginnt mit einer blutigen Nase, was ein sehr buchstäblicher Bruch mit dem Image des taiwanesisch-kanadischen Filmstars Eddie Peng ist. Immerhin sieht der junge Schauspieler so gut aus, dass er auch schon für Männercremes und Mäntel gemodelt hat. Bei Shipei schlägt er sich das Gesicht erst mal am Lenkrad seines Minivans auf, weil er einen Fußgänger übersieht. Xueming, der glaubt, den Mann auf dem Gewissen zu haben, ergreift impulsiv die Flucht. Allerdings nicht, ohne den fremden Körper vorher noch die Böschung hinunterzustoßen, platsch, in den Fluss. Der Weg vom Klimaanlageninstallateur zum Antihelden ist in Are You Lonesome Tonight beängstigend kurz. 

Was daraus folgt, ist erst einmal interessant. Zunächst der Gang zur Polizeiwache, doch Xuemings Blick auf die Gestalten im Vorzimmer verrät wieder: nicht seine Welt, nichts wie weg. Er selbst sagt recht wenig, allein seine Körpersprache gibt Auskunft über seine Zweifel. Als er zufällig auf die Witwe seines Opfers, Frau Liang (Sylvia Chang), stößt, sucht er fortan unter einem Vorwand ihre Nähe. Und wieder: gestehen oder gehen? Schon klar, in der Hauptfigur kämpft's. Mit dem Auftreten der Frau wird die crime story allerdings durch eine Beziehungsebene angereichert, die dem Protagonisten mehr Facetten abtrotzen könnte als die bekannte Antihelden-Ambivalenz. Denn Frau Liang ist anders als ihr Gegenpart ein Mensch mit Vergangenheit, unklaren Motivationen auch. Die Frau trauert etwa gar nicht so, wie andere es von einer Frau in ihrer Situation erwarten. Sie trocknet mehr Schweißperlen als Tränen, lädt den wortkargen jungen Mann ein, zum Essen zu bleiben, nachdem er die Klimaanlage längst repariert hat. Ist er ein love interest mit unkonventionellem age gap? Sucht die Frau Ersatz für den vor Jahren verlorenen Sohn? Haben die kriminellen Geschäfte ihres Mannes die Ehe belastet oder war es vielmehr seine Mitschuld am Tod des gemeinsamen Kindes?

Man erfährt es nicht, denn Shipei lässt sein Publikum nun doch lieber über die tatsächlichen Umstände der Nacht rätseln, die seine Figuren zusammengeführt hat. Im Zuge dessen wird das Ensemble um einen Kommissar (Theaterschauspieler Yanhui Wang) erweitert, der ebenfalls ohne viele Worte eine tolle Präsenz schafft, weshalb die Zuschauerin ihm gleich ein Spin-off wünscht. Bedauerlicherweise geht das Drehbuch auch mit ihm nicht sorgfältig genug um. 

Dieses Debüt hat jede Menge Potenzial, Geschichte wie Figuren über die gängigen Motive der Genreerzählung hinauszuführen, verschenkt es jedoch zugunsten eines zunehmend düsteren, verrätselten Thrillerplots. Der ist zwar durchaus spannend, ambitioniert montiert, führt Xueming immer tiefer in die düsteren Winkel der stickigen Stadt, aber während er so von einem irre beleuchteten (und von vier Kameramännern gefilmten) Setting ins nächste gerät, geht etwas anderes verloren: die Charaktere, die eine Handlung mit Leben füllen, ihrem Publikum etwas zu lieben oder zu hassen schenken, meinetwegen auch nur mehr sein dürfen, als die Statisten eines stilvoll arrangierten Plots.

In Are You Lonesome Tonight bleiben einem die Figuren trotz ihrer guten Besetzung merkwürdig gleichgültig, sie beschäftigen einen nicht weiter. Was bleibt dann über den Film hinaus? Ein paar wirklich starke Bilder aus einer anderen Zeit in einer fernen Stadt. Für einen weiteren Abend im täglichen Einerlei ist das gar nicht mal wenig.

"Are You Lonesome Tonight" läuft vom 27. Januar an in deutschen Kinos.