"In 50 Jahren werden die Leute darüber lachen", sagt Paul McCartney zu Beginn der zweiten Folge von Get Back: "Die Beatles haben sich aufgelöst, weil Yoko Ono im Studio auf einem Gitarrenverstärker herumsaß." Der pseudoprophetische Witz markiert einen Tiefpunkt in der dreiteiligen Dokumentation, die der Regisseur Peter Jackson aus 56 Stunden Bildmaterial montieren konnte. Ein Kamerateam hatte die Beatles im Januar 1969 bei dem Versuch beobachtet, noch einmal ein Album wie früher aufzunehmen: zu viert im selben Raum, ohne Ausschöpfung jener studiotechnischen Möglichkeiten, die ihre Arbeit seit Mitte der Sechzigerjahre  zunehmend geprägt hatten.

Die sogenannten Get-Back-Sessions klingen nach einem einfachen Unterfangen, gelten vielen Beatles-Gelehrten aber als Anfang vom Ende der Band. Innerhalb von zwei Wochen sollen in einem Filmstudio in London-Twickenham nicht nur die Songs für das Album entstehen, sondern auch ein Fernsehspecial und ein Dokumentarfilm des Regisseurs Michael Lindsay-Hogg. Die Beatles träumen außerdem von einem außergewöhnlichen Konzert, vielleicht auf einem Boot oder in einem Amphitheater an der libyschen Küste. Das Projekt aber kommt nur schleppend in Gang und scheint am siebten Tag zu scheitern, als George Harrison unvermittelt die Band verlässt. "Wir sehen uns in den Clubs", sagt der Gitarrist und geht.

Was in den Tagen danach passiert und von Lindsay-Hogg weitgehend festgehalten wird, dürfte zumindest für Popfreaks zum faszinierendsten Tratsch der Musikgeschichte gehören. Die verbliebenen Beatles stürzen sich in ein Urschrei-Experiment mit John Lennons späterer Ehefrau Ono, bevor sie die Aussprache mit Harrison suchen. Ein Treffen im Haus von Ringo Starr bleibt jedoch ergebnislos – nicht zuletzt, weil McCartney (und dessen spätere Ehefrau Linda Eastman) Onos steigenden Einfluss auf Lennon beklagen. Während sich McCartney zu dem Yoko-Ono-Spruch hinreißen lässt, beurteilt Lennon die Lage sarkastisch: "Wenn George bis Dienstag nicht zurück ist, holen wir uns eben Clapton."

Die Lage ist also verzwickt im vorletzten Winter der Beatles. Jahre im Fokus der absoluten Aufmerksamkeit haben die Band ausgelaugt. Seit dem Tod ihres Managers Brian Epstein im August 1967 fehlt eine Figur, die den unvorstellbar großen Laden zusammenhält. Harrison fühlt sich zu einem Konkurrenzkampf mit dem Songwritingteam Lennon/McCartney verdammt, das streng genommen schon lange kein Team mehr ist. Beide schreiben ihre Lieder getrennt voneinander und haben sich auch sonst weniger zu sagen als früher. Während McCartney zum Leader der Get-Back-Sessions wird, erscheint Lennon desinteressiert. Hat er irgendwelche Songs mitgebracht, an denen man arbeiten könnte? "Nicht wirklich."

Erschöpfung ist nicht nur ein Gesprächsthema in Get Back. Sie steht den Protagonisten auch in die Gesichter geschrieben, die vor allem aus Bärten, geröteten Augen und Hautirritationen bestehen – ein Umstand, der durch Jacksons Aufbereitung des Filmmaterials noch einmal an Klarheit gewinnt. Die Beatles sind während der Dreh- und Studioarbeiten zwischen 25 und 28, sehen aber zehn Jahre älter aus. Seltsam verloren stecken sie in Pelzmänteln, Cowboystiefeln und anderen Accessoires der damaligen Modesaison. Sie essen Toast mit Zigaretten und vertreiben sich in Ermangelung eigener Ideen mit Rockabilly- und Rock-’n’-Roll-Standards die Zeit. Die Stimmen von Lennon und McCartney klingen heiser wie nie zuvor.

"Bis jetzt haben wir einen Film über Raucher, Nasenpopler und Nagelkauer", sagt Lindsay-Hogg einmal zu den Beatles, als längst die zweite der beiden geplanten Projektwochen angebrochen ist. Das stimmte natürlich nicht, konnte er Anfang 1969 aber auch noch nicht besser wissen. Erst anderthalb Jahre später sollte seine Doku unter dem Titel Let It Be erscheinen, begleitet von einem gleichnamigen Soundtrack, der aus den Sessions kompiliert und durch kontroverse Nachbearbeitungen des ebenso kontroversen Produzenten Phil Spector fertiggestellt wurde. Als der Film 1970 ins Kino kam, wirkte er wie eine vorweggenommene Bestätigung der Trennung, die die Beatles im April 1970 verkündet hatten.

Die Leistung des Regisseurs Peter Jackson liegt 50 Jahre später darin, die Sache zu verkomplizieren. Get Back zeigt auch vier augenscheinlich berufsmüde Musiker bei der Arbeit. Während Lindsay-Hoggs weitgehend trister Film jedoch nahelegte, dass die Beatles neben all ihren anderen Innovationen auch noch als Erfinder des Mumblecorekinos gelten müssten, enthält Jacksons Version der Ereignisse überraschend viele leichte Episoden. Zwischen Slapstickhumor und Dylan-Imitationen, gespielter Empörung über die britische Klatschpresse und endlosen Insiderwitzen ermöglicht der Regisseur Einblicke in den Alltag einer Band, der eher branchenüblich als verkorkst erscheint.