Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"The North Water"

Dass man sich angesichts einer Gruppe vollbärtiger Männer auf Waljagd Gedanken über Männlichkeit, Einsamkeit und überhaupt die menschliche Existenz machen kann, ist seit Hermann Melvilles Moby Dick bekannt. Doch Andrew Haigh, der für feinsinnige Kinodramen wie Weekend oder 45 Years oder die Serie Looking verantwortlich ist, findet mit The North Water eine ganz eigene Herangehensweise an die Thematik.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Ian McGuire erzählt seine Miniserie – die für den deutschen Markt irritierenderweise von fünf auf sechs Episoden umgeschnitten wurde – von einer aussichtslosen Walfangmission 1859 in arktischen Gewässern. Der noch vom Kriegseinsatz in Indien traumatisierte Armeechirurg Patrick Sumner (Jack O'Connell) heuert als Schiffsarzt auf der Volunteer an, wo er als Homer lesender Intellektueller ein Fremdkörper ist. Der Rest der Crew besteht sonst aus ungehobelten Kerlen wie dem Harpunier Drax (Colin Farrell), den Sumner schnell in Verdacht hat, als an Bord ein Schiffsjunge brutal vergewaltigt und wenig später erdrosselt wird.

In ihrem Verlauf wird die Serie immer mehr zu einem Überlebensabenteuer, doch gerade weil Haigh das Tempo nie zu sehr anzieht und auf feines Beobachten setzt, überzeugt The North Water vor allem durch die Beklemmung und Atmosphäre, mit der hier vom Guten und Bösen erzählt wird.
(Patrick Heidmann)

"The North Water" ist zu sehen bei MagentaTV.

"H24"

Der Mann im Auto, der neben einer jungen Frau herfährt und unaufhörlich auf sie einredet. Der Mann, der seine Ehefrau vor einem Schnellimbiss ins Gesicht schlägt. Der Vermieter, der einer Frau ein Kündigungsschreiben schickt, weil es zu laut wird in der Wohnung, wenn der Ehemann ausrastet.

Gewalt gegen Frauen hat viele Formen. Die Arte-Serie H24 führt sie vor, in kurzen, drei- bis vierminütigen Kurzfilmen. Viele der 24 gezeigten Geschichten beruhen auf realen Geschehnissen, die Regisseurinnen Nathalie Masduraud und Valérie Urrea haben sie kuratiert und bekannte Autorinnen, Regisseurinnen und Schauspielerinnen gefunden, die den zahllosen unbekannten und unsichtbaren Opfern sexualisierter Gewalt Stimme und Gesicht geben.

Von den sechs vorab verfügbaren Episoden stammt die filmisch interessanteste von der deutschen Regisseurin Nora Fingscheidt (Systemsprenger). Sie beschreibt eine Situation in der U-Bahn; eine Frau, erschöpft von der Nachtschicht, nickt neben einem Unbekannten ein. Er weckt sie auf und zeigt ihr auf seinem Handy einen übergriffigen Spruch. Diane Kruger spielt in einer Doppelrolle diese Frau und zugleich den Belästiger, sie spricht seine Gedanken aus. Es ist ein einfacher Kunstgriff, der zum einen standardisierte Bilder im Kopf der Betrachtenden verhindert, zum anderen die Frau nicht als Opfer zeigen will.

Ein kämpferischer Grundton zieht sich durch mehrere Clips. Am lustigsten ist es, wenn die junge Frau, die von dem Autofahrer verfolgt wird, diesen schließlich selbst zu einem Selfie "zwingt", also die Kontrolle über die Situation an sich reißt. In einer anderen Episode wiederum schlägt der Mann einfach zu, als die Frau sich gegen seine Nachstellungen wehrt. Eine außergewöhnliche Kurzfilmreihe, auch wenn das Zusehen wehtut.
(Carolin Ströbele)

Die 24 Kurzfilme "H24" sind in der Arte-Mediathek abrufbar.