Dieses Licht! Es färbt alles rosé, die kleinen holzverkleideten Bungalows, die akkurat gepflegten Gartenanlagen und die große Bahnhofsuhr in der Mitte des Parks. Es ist die frühe Morgensonne von Hollywood, die diese Anlage in so sanfte Töne taucht und einen Weichzeichner legt über ihre Bewohnerinnen und Bewohner, von denen die älteste 103 Jahre alt ist. Hier, am Mulholland Drive, leben die Menschen, die als Schauspielerinnen, Drehbuchautoren, Cutter oder Produzenten mit den ganz Großen des US-amerikanischen Films gearbeitet haben.

"Als Teenager hatte ich viel mit Hitchcock zu tun", erzählt Daniel Selznick ganz beiläufig. Und dass ihm sein Großvater, der Studioboss Louis B. Mayer, als Kind gesagt habe, er werde ihn in den Arm beißen. "Weil ich der MGM-Löwe bin." Später habe er einen jungen Studenten dabei unterstützt, American Graffiti zu drehen, sagt Selznick: George Lucas. "Man könnte sagen, der Rest ist Geschichte."

Der Schauspieler Wright King wiederum erzählt, wie er seiner Freundin im Kino bei Vom Winde verweht prophezeit habe, er werde einmal Vivien Leigh auf der Leinwand küssen. Er tat es 1951, in der Rolle als Zeitungsjunge in Endstation Sehnsucht. Die Schauspielerin Connie Sawyer, 103 Jahre alt, kommentiert indes trocken den Film Ada – Frau mit Vergangenheit, in dem sie 1961 an der Seite von Susan Hayward gespielt hatte: "Ach ja, ein Jahr später ist sie an einem Hirntumor gestorben." Tatsächlich starb Hayward erst 1975, Sawyer erinnerte sich wohl eher an den Filmtod der Schauspielerin, den sie 1962 in Das Glück in seinen Armen erlitt.

So verwischen Filmgeschichten und wahre Erinnerungen manchmal in dem Dokumentarfilm Sunset over Hollywood von Uli Gaulke (Regie und Drehbuch) und dem Spiegel-USA-Korrespondenten Mark Pitzke. Die beiden Autoren lassen ihre Protagonistinnen und Protagonisten gewähren. Ihr Film, gedreht zwischen 2016 und 2018 in der Seniorenresidenz Motion Pictures & Television Country House in L.A., lief 2019 in einigen deutschen Kinos und wird nun in der ARD gezeigt.

"Kennen Sie Jodie Foster"?

Manche Szenen dieser Dokumentation könnten aus einem Spielfilm oder einer Fernsehserie stammen, etwa wenn die Senioren mit ihren Elektromobilen wie bei einem Autoscooter-Rennen zwischen den Hecken der Anlage herumflitzen. Und manchmal erwartet man, dass Michael Douglas gleich um die Ecke kommt und den Bewohnerinnen einen Vortrag über Method Acting hält wie in seiner Serie The Kominsky Method, in der er einen in die Jahre gekommenen Schauspiellehrer spielt.

Dass Hollywood großen Wert darauf legt, seine Veteraninnen und Veteranen nicht zu vergessen, zeigt sich nicht nur in Produktionen wie The Kominsky Method. Zahlreiche Stiftungen wurden für ehemalige Mitglieder der großen Studios eingerichtet. Bei den diesjährigen Academy Awards erhielt die The Motion Picture & Television Fund (MPTF) den Ehren-Oscar für ihr soziales Engagement während der Corona-Pandemie.

In einer Szene des Films sieht man die Bewohnerinnen und Bewohner eine TV-Gala anschauen, in der George Clooney eine Laudatio zum 95-jährigen Bestehen der MPTF hält. Ach ja, der George, so ein bodenständiger Kerl, seufzt da die Schauspielerin Anne Faulkner (Unter der Sonne Kaliforniens). Und erzählt, wie sie mit Clooney damals in Roseanne zusammengearbeitet habe. Clooney spielte in der ersten Staffel den Chef der Fabrik, in der Roseanne arbeitete. Kaum jemand würde sich heute noch daran erinnern.  

Clooney wird auch als einer der Unterstützer der Einrichtung genannt, die 2009 kurz vor der Insolvenz stand. Über die finanziellen Hintergründe des Hauses, das 1940 als Alterssitz für pensionierte Filmschaffender eröffnet wurde, erzählt der Film indes nichts, es wird nur kurz erwähnt, dass Jodie Foster einen Swimmingpool gestiftet habe. "Kennen Sie Jodie Foster?", werden die Dokumentarfilmer gefragt. Erinnerung ist etwas Flüchtiges, auch das wissen sie hier.