Der Paketbote ist eine Reizfigur unserer heutigen Bestellgesellschaft, die an sich selbst irre geworden ist. Und an kaum einer anderen Figur zeigt sich das verdrehte Anspruchsdenken des 24-Stunden-Konsums wie an ihm. Selten vergeht ein Tag, an dem nicht jemand in der notorisch fassungslosen Halböffentlichkeit der sozialen Medien seine Fassungslosigkeit darüber äußert, dass der Paketdienst schon wieder nur einen Zettel im Briefkasten hinterlassen hat; dass die sehnlichst erwarteten Schuhe bloß im Treppenhaus abgestellt wurden oder dass das Paketauto schon wieder auf dem Fahrradstreifen steht – in zweiter Reihe zu parken ist schließlich nur okay, wenn man auf seine eigene Lieferung wartet. Wut auf den Paketboten scheint eine neue deutsche Kulturtechnik zu sein, vielleicht auch deshalb, weil uns allein seine Anwesenheit (oder sein ausbleibendes Klingeln) an unsere eigene Faulheit erinnert. Wir könnten ja einfach selbst ins Geschäft gehen.

So gesehen kann man Volker Feldmann nur bemitleiden. Feldmann, gespielt von Bjarne Mädel im Fernsehfilm Geliefert, trägt jeden Tag sanft angewidert die Päckchen und Kisten hoch, durch Treppenhäuser, die hier aussehen wie die die gewienerten Vorstadtversionen von M. C. Eschers Bildern. Häuser mit vielen Türen, unbekannt verzogenen Empfängern, alten hilflosen Frauen und Schnöseln mit Falco-Frisur, die Feldmann zum Abschied ein "Postbote, Alter!" hinterherrufen. Feldmann ist alleinerziehender Vater, sein Sohn selbst ist hochpubertär, und nach seinen zwölf Stunden im Niedriglohnsektor trainiert er noch die Fußballmannschaft am Stadtrand von Regensburg, die jedes Spiel verliert. So wie Volker Feldmann selbst. Es gibt den Subunternehmer, der wie ein Provinzdämon den treuherzigen Feldmann und seine Kollegen überwacht und übers Ohr haut. Es gibt den Kollegen aus Russland, der in seinem Lieferwagen schläft, und es gibt die Managertypen mit den Pullovern über den Schultern, die dem dauerabgebrannten Volker Feldmann mit selbstherrlicher Güte Almosen anbieten. Die Welt ist hier auf sehr stereotype Weise sehr ungerecht, aber das ist sie in Wahrheit ja oft auch.

In Geliefert (Regie: Jan Fehse) türmen sich die kleinen Erniedrigungen natürlich, es ist ja ein sehr konventionell erzählter Film, weiter und weiter auf. Es fallen Sätze wie "Das letzte Hemd hat keine Taschen" und "Glaubst du an Gerechtigkeit‘?" – das Drehbuch ist durchaus von engagierter Schlichtheit. Wenn der Film allerdings seine Pappfiguren, seinen dramaturgischen Kleinkram vergisst und sich ganz auf seine Hauptfigur konzentriert, dann ist es ein stiller Film über die Trostlosigkeit eines Unterdurchschnittslebens, in dem Bjarne Mädel als Volker Feldmann an allen Möglichkeiten zu pompösen, theaterhaften Emotionen stets seitwärts mit räudiger Verlegenheit vorbeiläuft. Er zieht die Bettwäsche vom Wohnzimmersofa ab, er zieht die Bettwäsche am Abend wieder drauf. Er sucht nachts Gemüse im Container auf dem Großmarktparkplatz, er pinkelt in eine Flasche, weil sonst die Zeit für die Lieferungen nicht reicht. Würde, das wäre das falsche Wort für diese Szenen. Feldmann trägt das prekäre, niedrig entlohnte Leben seiner Figur mit widerständiger Größe durch den Film, als schiene er sich bisweilen selbst nicht davon beeindrucken, dass er in einem von Traurigkeit beleuchteten Leben herumläuft, mit stummer Wut Matratzen durch den Nieselregen schleppt und Treppen hinaufkeucht.

Der norddeutsch klimatisierte Tragikomiker Bjarne Mädel rettet das Skript vor dessen zu beflissener Sozialpädagogik. In den heitersten Szenen ist es das ironische Phlegma, mit dem sich sein Feldmann gegen die letzten Demütigungen stemmt, die ihm noch zugefügt werden können. Ist halt so. Und es ist scheiße. Muss ja. Muss ja immer. Feldmann ist eben ein Guter und Mädel ist, das kann man spätestens in diesem Film sehen, ein sehr guter Schauspieler. 

"Geliefert" läuft am Mittwoch, 13. Oktober, um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek.