Es wird ja generell gern viel gequatscht im deutschen Fernsehen. Nur leider selten das Richtige. Während Inhalt und Dialoge oft zugunsten von Optik und Drama aus der Primetime Richtung Mitternacht verbannt werden, hört man in den meisten Talkshows redselige Redundanz statt echter Gespräche. Brauchen wir da echt noch ein weiteres Interviewformat? Ja.

Wenn es mit Michael Kessler ist.

Dieser Michael Kessler hat schon so manche Comedy mit seinem – auch optisch bemerkenswerten – Riecher fürs Absurde im Realen (oder umgekehrt) geadelt. In der ProSieben-Parodie Switch kopiert er seit Jahren Figuren von Florian Silbereisen bis Günther Jauch am Rande der Perfektion. In der Berliner Nacht-Taxe durchmisst er improvisierend die Hauptstadt. In Kesslers Knigge spielt er ulkige Regeln fürs menschliche Miteinander nach und in Pastewka ein bisschen sich selbst. Stets aber ist da dieser Schimmer des Wahrhaftigen im mal feinen, mal brachialen, meist wohltarierten Humor des gebürtigen Wiesbadeners.

Nun kriegt er eine Gesprächssendung, die alles Mögliche von dem kompiliert, was er bislang so zum Besten gab. Mit der gewichtigen Ausnahme: Nichts daran ist lustig, nirgends, auch nicht zwischen den Zeilen. Und das ist mehr als gut so, es ist ein echter Segen. In Kessler ist... auf ZDFneo schlüpft Michael Kessler fünf Mal in die Rollen Prominenter, denen man am Bildschirm häufiger begegnet. Manche würden sagen: Zu häufig, um sie auch noch als humorlose Kopie ertragen zu müssen.

Joachim Llambi ist so einer. Ein geleckter Tanzjuror, der längst als Durchlauferhitzer diverser Panelshows dient. Dazu der Blut-und-Boden-Barde Heino auf schwermetallischen Abwegen. Oder auch Michaela Schaffrath, die nicht mehr Pornostar Gina Wild ist und doch nie irgendwas anderes.

Den Auftakt machte Matthias Steiner: Regenbogen-Gewächs, Bild-Spusi, einst stärkster Mann der Welt mit rührender Biografie, nun vor allem rühriges Stärkungsmittel mittelmäßigen Fernsehens. Ihn also kopiert Michael Kessler als Erstes. Doch weil die Maskerade über detailgetreues Make-up und ein paar überzeichnete Macken hinausgeht, weil es nicht nur um äußere Form, sondern innere Werte geht, wird der Titel Kessler ist… Programm. Denn der Namenspatron vervielfältigt seinen Premierengast nicht oberflächlich, er kriecht förmlich hinein. "Ich möchte Matthias Steiner sein", sagt er beim Kennenlernen vor einem riesigen Spiegel.

Kein Scherz.

Auch deshalb guckt der bullige Gewichtheber, als hätte ihn der dürre Witzbold zum Armdrücken gefordert. "Erst mal essen", antworten 109 Kilo Kerl der halben Portion in einem Mix aus Erstaunen, Amüsement, Schreck und Verwirrung. Ganz ähnliche Regungen dürften sich künftig auch bei jenen Zuschauern einstellen, die sich auf das Experiment einlassen. Mit klugen Fragen ("Steigern Muskeln und Gewicht eigentlich dein Selbstbewusstsein?"), Abstechern in die Vergangenheit ("Das Zimmer ist perfekt konservierte Kindheit.") bis hin zur Maske (die furchteinflößend echt wirkt), nähert sich Kessler seinem Objekt mit verblüffendem Forscherdrang und macht es zum Subjekt.