Ein vernichtender Tweet bringt niemanden um. Offline. Und es geht doch auch nie um den, der gerichtet wird. Das weiß man doch. Es geht um uns. Unsere moralische Überlegenheit. Unseren Humor. Darum, uns darzustellen. Auf der richtigen Seite. Online. Andere zum Lachen, zum Liken zu bringen. Weil mehr Likes mehr Follower, mehr Reichweite sind. Und Zugriff auf eigene Sachbücher, Podcasts, Talkshows. Das weiß man doch. Am Rand stehen die Hashtags, die assignments des Tages. Wer oder was funny zu vernichten ist. Und es dauert nie lange, dann sind die Lager klar. Die komplexe Lage ist geglättet, gestaucht. Die Stoßrichtung, in die wir zu twittern haben, steht. Von oben herab. Wir brauchen das nicht zu recherchieren. Wir vertrauen unserer Peergroup. Ihre Perspektive ist unsere Perspektive, ist die einzige Perspektive, die für Likes zählt.

"ihr gebt mir alle so hardcore schulhof mobber vibes. wenn ihr jmd nicht mögt, just say so aber jedes wort und jeden tweet bewusst falsch lesen und interpretieren für ein paar billo likes macht euch gar nicht so cool wie ihr denkt", twittert Anna Dushime, 45,5k Follower, und kriegt dafür nur 540 Likes. Weil, Anna Dushime, no front, aber wenn du neben jemandem stehst, der Eis isst, sagst du dann auch: jetzt drei Kugeln Zucker und später Diabetes Typ 2? Kriegst du jedenfalls keinen Like für.

Twitter ist weißer Rap. Des einen Bars sind des anderen Tweets. Das ist Handwerk. Mit erhobenem Zeigefinger scrollen wir uns durch den Feed. In jeder freien Minute. Aber das hat keinen Einfluss auf uns. Twitter ist nicht das wahre Leben. Weiß man doch. Das ist wie Werbung, die bringt uns nicht zum Kaufen. Rauchen. Jederzeit können wir aufhören. Mit Twitter. Und die zwei Bier jeden Abend, in den zwei Jahren zu Hause, die sagen auch nichts über uns aus. Außer: privilegiert. Also, das sagen wir, weil man das im Internet sagt. Das ist neu in unserem Wortschatz. Also verhältnismäßig, circa April-2021-neu. Checkt mal eure Privilegien, sagen wir – über dreißig – zu unseren Eltern – über sechzig –, die nicht auf Twitter sind. Und die fragen: Was? Und wir sagen: Boomer! Verdrehen die Augen. Unsere Perspektive ist so viel aktueller als ihre. Und der konservative Bekannte – wir folgen ihm nicht, die Bubble könnte das missinterpretieren – hat eine linke Neue, die wir kennen. Online. Wir sind die zwei, oder drei, der in ihrem Namen 50k Versammelten. Und wir fragen: Habt ihr denn keine politischen Differenzen? Und der rechte Bekannte sagt: Ach, im wahren Leben ist die gar nicht so links. Und wir nicken. Klar, weiß man doch.

Wir performen online.

Aber wo hat das angefangen?

2009. Das mussten wir recherchieren, weil wir das vergessen hatten. Es war der Like-Button, der uns so verändert hat. Eigentlich sind wir überzeugt, wenn sich grundlegend was ändert – Zeitenwende! –, dann bekommen wir das schon mit. In Wahrheit aber bemerken wir Veränderung gar nicht, weil Veränderung uns verändert. Wir können das Davor im Danach nicht mehr sehen. Das nennt man Mandela-Effekt. Das wissen wir von TikTok. Da gibt es das Mandela-Effekt-Quiz. Wenn wir da Pikachu mit schwarz gezacktem Schwanz sehen, sind wir uns sicher, den hatte er schon immer.

Aww, Pikachu, Zackenschwanz-Held unserer Kindheit!

In Wahrheit hatte Pikachu aber gar keinen schwarz gezackten Schwanz. Der Kopf passt die Vergangenheit unbemerkt der Gegenwart an. Wir sind so leicht zu täuschen. Facebook, ach was, das ganze Internet hatte mal keine Like- und Share-Buttons? Klar. Weiß man doch. Es gab eine Zeit, da hatte Facebook nicht mal einen Feed.

Da standen da nur Meldungen wie:

"Sinem Şahin uploaded a new mobile photo."

Oder:

"Farina Fuchs is no longer in a complicated relationship."

Facebook war wie studiVZ, nur auf Englisch. Und wir waren nur mit Freunden und Kommiliton*innen verbunden. Social Media war die InTouch der Uni. Wer kennt wen? Und wer feiert mit wem? Virtual nights. Als wir ganze Fotoordner von der Digicam hochluden. Fotos, auf die wir anfangs nicht mal verlinkt werden konnten. Fotos, die keiner liken konnte. Damals, als wir noch jubelten: Paul Kowalski hat unsere Freundschaftsanfrage angenommen. Das hieß was. Er kannte uns. Sah uns von nun an jeden Tag, wenn er in der Bib online ging. Wenn eine Vicki Mayr auf unsere Pinnwand schrieb, ob wir die Nummer von Tobi Heuriger haben, dann muss auch Paul Kowalski das gesehen haben. Dass wir ein wichtiger Knotenpunkt sind. Wie lange das wohl dauern würde, bis er uns nach unserer Nummer fragt?

Da.

Irgendwo da hat das begonnen mit dem Performen online. Aber damals ging es nicht um Moral und Reichweite und Geld. Wir wollten doch nur mit Paul Kowalski schlafen.   

Und dann kam der Like-Button. Und der hat, like seriously, alles verändert. Wir gingen viral, also aus unseren Kreisen heraus. Folgten Menschen, die wir gar nicht kannten. Der Wert der Freundschaftsanfrage hat gelitten. Freunde wurden zu Followern. Desto mehr, desto besser. Wir sind nicht mehr privat hier. Online. Es gibt gar kein privates Social Network mehr. Alles ist Arbeit geworden. Ey, lass uns jetzt nicht schon wieder so einen auf Kapitalismuskritik machen! Das ist wie der Diabetes-Typ-2-Kommentar. Das weiß man doch. Wir schwimmen im Strom und der Kapitalismus ist unser Wasser.