Im Oktober 2021 knalle ich gegen ein Straßenschild. Also: Nicht alles von mir, aber mein Blick, mein Atem, meine Aufmerksamkeit. H und ich fahren über eine nordfranzösische Landstraße, wir machen Kurzurlaub, unsere Jacken liegen auf der Rückbank, die Tasche mit Proviant steht daneben. Eben noch war alles leicht, bis das Schild in meinem Blickfeld aufgetaucht ist. Am linken Straßenrand stand cimetière chinois, chinesischer Friedhof. Ich habe es von hinten nach vorne gelesen, zuerst chinois, dann cimetière – weil es nicht anders geht, weil ich konditioniert bin wie so ein Hund, denke ich, als hielte man mir ein Leckerli hin, das ich nicht ablehnen kann, weil ich immer hingucken muss, wo China steht. Fast so, als sei das mein Name.

"Hast du das gesehen", sage ich, "da war ein chinesischer Friedhof?" H hat es nicht gesehen und ich weiß nicht, wie ich erklären soll, was in mir passiert. Das stört mich. Ich kann ihr sonst alles erklären, obwohl ich nicht muss. "Können wir umkehren?", frage ich und fühle mich dabei wie ein Kind, das schon wieder aufs Klo muss. Für einen deutschen Friedhof hätte ich nicht anhalten wollen.

H findet eine Haltebucht, wendet den Wagen und fährt zurück. Ich mache uns Umstände, finde ich. Kurz hinter dem Schild rechts ab, ein Schotterweg, ein kleiner Ort, Noyelles-sur-Mer, niedrige Mäuerchen, viele Pfeile bis zum Ziel. Und dann parken wir vor einem rechteckigen Platz mitten im Maisfeld. Ein chinesisches Tor, als läge dahinter ein Tempel, gepflegter Rasen, ein Baum wie ein riesiger Bonsai, der seinen Schatten auf das hintere Drittel der weißen Grabsteine wirft. Davor und dazwischen: ich.

Ich gehe durch das Tor. Ich gehe über den Rasen. Ich bestaune den Riesenbonsai. Ich versuche, die Zeichen auf den Grabsteinen zu entziffern. Ich habe den merkwürdigen Reflex, mich klein zu machen. Wenn ich nicht aufpasse, verbeuge ich mich vor unbekannten Toten, rolle mich zusammen als wäre das die Regel, wie so ein Hund im Rudel, schon wieder. Ich nerve mich. Warum muss ich hier sein, warum mache ich Fotos wie eine Dokumentarin, warum kann ich nicht einfach rumlaufen wie eine Touristin, warum denke ich, dieser Ort hätte etwas mit mir zu tun – hat er nicht – warum weiß ich schon jetzt, dass ich darüber einen Text schreiben muss, warum habe ich mich so eingekocht, so reduziert auf diese eine Sache, die doch eben nur das ist: eine Sache von vielen.

Ich versuche, einen Schuldigen auszumachen. Es kann nicht nur an mir liegen, diese postmigrantische Herkunftsfixiertheit. Dieses dauernde Ich als Nicht-ganz-Deutsche, Nicht-ganz-Weiße, als Woman of Color, als Zwischen-den-Kulturen (alle diese Bezeichnungen passen mir nicht). Das war noch nicht immer so und früher war es einfacher. Oder? Ich habe jedenfalls keine Lust mehr. Ich bin müde, zwischendurch denke ich zu oft, dass das überbefragt und auserzählt ist. Also: dass ich auserzählt bin. Als hätte ich so nah rangezoomt an die Pixel in den Pixeln, dass ich nichts mehr sehen kann. Ich diagnostiziere mir selbst eine identity fatigue, das klingt doch gut, irgendwie catchy.

Vielleicht hat es mit den Medien angefangen. Mit dem öffentlichen Schreiben. Mit der Möglichkeit, ein Volontariat speziell für Menschen wie mich zu machen, also Menschen mit Migrationsgeschichte. Ich finde es wichtig, dass es diese Art Türöffner gibt. Aber wenn jemand sagte "Sie ist jetzt hier und sie ist übrigens Halbchinesin", dann hörte ich "Sie ist jetzt hier, weil sie Halbchinesin ist". Ich wollte aber nicht deswegen da sein, sondern höchstens damit.

Du solltest dich damit nicht immer beschäftigen.

Das Thema tut dir nicht gut.
Immer dieses Jammern, du kannst doch selbst entscheiden, wer du sein willst.

Vielleicht haben sie Recht, denke ich, die Leute mit diesen ungebetenen Ratschlägen. Da ist Übergriffigkeit, Belehrung, Arroganz und Grenzüberschreitung. Aber auch etwas Wahrheit. Würde ich selbst nicht auch so denken, manchmal, dann brächte es mich nicht dermaßen in Rage. Trotzdem frage ich mich, warum ich das in manchen Augen offenbar nicht auf meine Art tun darf: mich mit Herkunft beschäftigen, bis es mir zum eigenen Hals heraushängt und nicht zu ihrem, dann mal damit aufhören und dann vielleicht mal sehen. Warum es als unausgewogen bis emotionalisierend bis rumopfernd gilt, einen Teil von sich zu beschreiben, mit dem es eben schwer ist. Warum sie denken, ich hätte nichts anderes zu sagen, während ich doch längst so viel anderes gesagt habe – bis ich das irgendwann selbst denke. Dilek Güngör schreibt in ihrem Roman Ich bin Özlem: "Vielleicht gibt es nichts Interessantes an mir, außer meinem Türkischsein."