Mein Onkel ist Geschäftsmann. In seiner Freizeit gehen er und meine Tante ins Theater, sie golfen und lesen. Sie diskutieren mit mir über die Lage der Nation und erklärten mir schon als Kind wissenschaftlich, warum der Himmel blau ist. Sie sind gebildet, handeln in ihrem Alltag absolut rational und leben und denken auf der Höhe der Zeit.

Als ich die Karten das erste Mal bei ihnen sah, war ich acht Jahre alt. Die bunten Bilder von Königinnen, Königen und Teufeln faszinierten mich sofort. Ich fragte nach. Mein Onkel sagte, es seien Tarotkarten, die dazu dienten, nach "innen zu sehen". Meine Tante sagte, das Lesen der Karten sei sehr schwierig zu lernen und dauere sehr lange. Ich bestand darauf, es zu lernen. Meine Tante machte Kopien, ich klebte sie auf Karton und schnitt sie aus. Aber die Karten, die so entstanden, waren schwarz-weiß, tatsächlich kompliziert und bald schon verlor ich das Interesse an ihnen.

Mein Vater brachte mir früh bei, dass Esoterik Quatsch sei. Wissenschaft wurde in unserem Haushalt großgeschrieben, jede Freundin, die in mir einen "typischen Steinbock" erkennen wollte, wurde sofort mit Fakten niedergemäht. Ich amüsierte mich über Partygäste, die von Energien sprachen und hasste den Geruch von allem, das nur entfernt an Räucherstäbchen erinnerte. Und während ich Meditation und Achtsamkeitstraining als sinnvolle Ergänzung zu einer Psychotherapie empfand, verachtete ich alle, die meinten, es handele sich dabei um einen ernstzunehmenden Therapieersatz.

Der Wunsch nach Hilfe und einfachen Antworten auf komplexe innere Ängste und Sorgen ist in unserer Gesellschaft immer schon groß gewesen. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zeugten davon wallende Gewänder mit bunten "Indien"-Aufdrucken, Räucherstäbchen und geschmacklose Buddha-Figuren, die unüberlegt aus einer anderen Kultur übernommen wurden. Heute heißt der ganze Komplex nicht mehr "Esoterik", sondern "Holistic Lifestyle". Mindfulness als Lebensprinzip. Die Wellness- und Achtsamkeitsbranche boomt. In Zeiten, in denen man bis zu zwei Jahre auf einen Therapieplatz wartet, verbreiten sich vermeintliche Alternativen. In Großstadtyuppiehaushalten finden sich Palo-Santo-Holz und der ein oder andere Rosenquarzkristall. Yoga ist genauso Standard wie Joggen. Das iPhone ist bestückt mit Meditationsapps und Achtsamkeitsremindern und beim Brunch fallen Sätze wie "Seine Aura war einfach off". So viele kennen mittlerweile nicht mehr nur das eigene Sternzeichen, sondern auch ihren Aszendenten und schicken sich gegenseitig Screenshots von Apps wie Co-Star, mit denen die Kompatibilität der eigenen "Birth-Chart" mit der von Freund:innen überprüft werden kann.

Die neue Spiritualität ist sleek, modern, in gedeckten Farben gehalten und findet online statt. Um besonders aktuell zu erscheinen, wird häufig durch Verweise auf die Herkunft der Praxis so getan, als hätte man sich mit der Problematik der kulturellen Aneignung sehr viel auseinandergesetzt. Und eignet sie sich dann trotzdem an, ohne allzu tief auf die Wurzeln einzugehen. So wird zwar darauf hingewiesen, dass das aus Zentral- und Südamerika stammende Palo-Santo-Holz durch die steigende Nachfrage auch aus gesund gefällten Bäumen stamme, obwohl der Baum in den meisten Ländern unter Naturschutz steht und man nur abgestorbenes Holz verwenden sollte. Auch wird gesagt, dass das Holz heilig sei und in langer Tradition stehe. Infos, um welche Traditionen es sich hierbei handelt, findet man aber kaum, ohne selber zu googeln.

Besonders attraktiv bei diesem ganzen Vorgehen ist die Pick-and-Choose-Mentalität. Es gibt nicht die eine Bibel, den einen Weg, es gibt eine unendliche Vielzahl an verschiedenen Möglichkeiten, die auf Social-Media von verschiedenen Influencer:innen praktiziert werden, sodass man sich selbst zusammensuchen kann, woran man nun glauben möchte und woran nicht. Und so wuselt man sich zwischen Hexen und Yogalehrer:innen, Coaches und Astrolog:innen durch und übernimmt die Praktiken, die einem am besten gefallen. Oder wofür man sein Geld ausgeben möchte.

So teilt zum Beispiel @iamtaylorsimpson in einem Instagram-Post nicht nur mit, dass 2022 das Jahr von "massive wealth, epic sex, total ease and lots of play" werden würde, sondern verlangt auch 999 Dollar für ihre Masterclass, die einen dabei unterstützen soll, dies umzusetzen. Laura Malina Seiler bietet nicht nur zwei Bestseller zum Thema Glücklichwerden durch Spiritualität an, sondern hat auch einen Podcast, eine App, ein regelmäßig erscheinendes Magazin, ein Notizbuch, ein Kartenset und natürlich einen Newsletter.

Im Sommer 2020 stolperte ich zum ersten Mal über Manifesting-Videos auf TikTok. Dabei geht es darum, Dinge "in die Realität zu denken". Die Videos, die ich sah, stammten meistens von jungen Frauen und Mädchen, die ihre Wünsche auf ein Blatt Papier aufschrieben, sie aber so formulierten, als wären sie bereits in Erfüllung gegangen: "I am a wealthy person and work as an influencer." Ich sah Videos, die mich aufforderten, positive Energien zu "claimen", indem ich das Video likte. Videos von Teenagern, die sagten, dass sie durch das Manifesting so viele neue Follower gewonnen hätten. Ich fand es fürchterlich albern, und machte mich in einem Instagram-Post darüber lustig, wie auf einmal so viele junge Menschen sich auf eine solche Scharlatanerie einließen und sie für eine absolute Wahrheit hielten, anstatt sich damit auseinanderzusetzen, dass es sich hierbei nur um Confirmation-Bias handelte. Das Universum tut nichts für euch! Wollte ich sie anschreien.