Die vergewaltigte – besser noch: die tote vergewaltigte – Frau bewegt viele Menschen zum Einschalten; je jünger und unschuldiger diese Frau, desto effektiver. Nur dann kriecht uns als Zuschauerinnen und Zuschauer der wohlige Schauer vom Nacken in den Rücken, während wir sicher und in Kuscheldecken gewickelt den nasskalten Corona-Herbst vor dem Fernseher vergessen.

Nichts gegen Spannung und Unterhaltung. Doch eine am Montag erschienene Studie der Hochschule Wismar und der Universität Rostock, gefördert von der MaLisa Stiftung und der UFA GmbH, kommt zu dem Schluss, dass die Darstellung von geschlechtsspezifischer Gewalt im deutschen Fernsehen ein Problem ist, weil sie diese sensationalisiert, instrumentalisiert oder verharmlost und damit Stereotype in unserer Gesellschaft verfestigt. Das ist schädlich und gefährlich, weil auf diese Weise überkommene patriarchale Vorstellungen fortgeschrieben werden wie die, dass nur junge und schöne Frauen Opfer von Gewalt würden oder dass es in der Natur des Mannes liege, Gewalt auszuüben.

Die repräsentative Auswertung von Stichproben aus dem Abendprogramm der acht Hauptsender des deutschen Fernsehens ergab, dass in einem Drittel der ausgewerteten Formate geschlechtsspezifische Gewalt eine Rolle spielte. Der Großteil der Formate, in denen diese dargestellt wird, sind mit 39 Prozent Krimiserien und Spielfilme. Aber auch in den Nachrichten macht diese immerhin zwölf Prozent aus.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist Gewalt, die sich gegen eine Person aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechts richtet. Die Studie versteht darunter "alle sichtbaren, hörbaren und szenisch dargestellten Handlungen, die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden führen/führen können". Häufig handelt es sich bei den Darstellungen im TV um explizite und schwere Gewalt gegen Frauen und Kinder, in 13 Prozent der Darstellung geht es um Mord oder Totschlag, also sogenannte Femizide: Tötungen von Frauen, weil sie Frauen sind. Die häufigsten Täter im Fernsehen sind dabei Unbekannte, die in keinerlei Beziehung zu dem Opfer standen.

Und genau diese Darstellung verzerrt unsere Wahrnehmung von Gewalt. Denn in der Realität findet geschlechtsspezifische Gewalt viel häufiger im sozialen Nahraum statt und wird von Tätern ausgeübt, die das Opfer kennt. In 0,3 Prozent der Fälle – also um ein Vielfaches weniger, als im Fernsehen dargestellt – handelt es sich um Mord und Totschlag, wie die Zahlen des BKA für das Jahr 2020 zeigen.

Die Gewalt, so wird in der Studie deutlich, dient im Fernsehen in erster Linie als Spektakel – je brachialer, desto besser. Die Auswirkungen der Gewalt auf die Betroffenen werden hingegen nur selten deutlich. In nur acht Prozent der Darstellung kommen Opfer zu Wort, werden die Auswirkungen und die Situation der Betroffenen für die Zuschauer:innen nachvollziehbar. Die tote Frau kann über ihr Leid keine Auskunft geben, sie hat keine Agenda. Sie ist Objekt, löst die Handlung der Komissar:innen aus – weiter nichts.

Das ist ein großes Problem, denn nur wenn die Betroffenenperspektive sichtbar wird, können auch die gravierenden Auswirkungen von Gewalt verstanden, immer noch verbreitete Mythen zu Gewalt entkräftet werden. Solche Mythen wie etwa "Sie hat sich nicht genug gewehrt" oder "Wenn sie ihn nicht verlässt, ist sie selbst schuld" sind fatal, weil sie nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Justiz und der Polizei noch weit verbreitet sind. Sie führen dazu, dass Betroffene nicht angemessen behandelt werden und Täter vor Gericht entlastet und freigesprochen werden.

Auch die Medien haben hier eine Verantwortung, der sie sich stellen müssen – spätestens seit der Ratifizierung der sogenannten Istanbul-Konvention im Jahr 2018, einem "Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt". In Artikel 17 dieser Konvention werden die Medien explizit erwähnt: "Die Vertragsparteien ermutigen den privaten Sektor, den Bereich der Informations-  und Kommunikationstechnologien und die Medien, sich unter gebührender Beachtung der freien Meinungsäußerung und ihrer Unabhängigkeit an der Ausarbeitung und Umsetzung von politischen Maßnahmen zu beteiligen sowie Richtlinien und Normen der Selbstregulierung festzulegen, um Gewalt gegen Frauen zu verhüten und die Achtung ihrer Würde zu erhöhen."

Richtlinien und Normen? Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Daher lohnt ein Blick ins Ausland, um Vorbilder zu finden, die zeigen, wie eine sensible Darstellung von Gewalt nicht auf Kosten von Unterhaltung und Spannung gehen muss.

Ein herausragendes Beispiel liefert die britische Netflix-Serie Sex Education. Darin wird die Figur der Aimee Gibbs, eine extrovertierte Jugendliche, die stets gut gelaunt und mit sich selbst im Reinen ist, eines Tages im Schulbus nicht nur sexuell belästigt, sie entwickelt danach auch Beziehungsprobleme und Angststörungen. Die Darstellung von alltäglicher sexueller Belästigung und das Thematisieren von deren Auswirkungen auf eine junge Frau waren so selten und so bemerkenswert, dass die Serie dafür medial regelrecht gefeiert wurde.

Diese Darstellung für Betroffene fühlt sich auch deswegen so realistisch an, weil sie auf den realen Erfahrungen der Autorin Laurie Nunn basiert. Das erklärt Nunn in einem begleitenden Behind-the-Scenes-Video, das selbst ein weiteres Best-Practice-Beispiel ist, wird doch in begleitenden Videos, die ebenfalls auf YouTube veröffentlicht wurden, auf die strukturelle Dimension des Übergriffs sowie auf Handlungsoptionen für Betroffene verwiesen.

Hier kommt ein weiteres strukturelles Problem der deutschen Medienlandschaft zum Tragen: die starke Unterrepräsentanz von Frauen als kreative Verantwortliche, als Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen, Produzentinnen. Sie führt dazu, dass die Perspektiven von Frauen zu selten Eingang in Kulturprodukte finden.

Sicher, das Problem der verzerrenden Darstellung von geschlechtsspezifischer Gewalt im Fernsehen wird sich nicht von heute auf morgen erledigen. Doch die Studie sollte dabei helfen. So zeigt sich Ufa-Geschäftsführer Joachim Kosack in der Pressemitteilung zur Studie selbstkritisch und erklärt, man wolle sich mit dem Thema in Workshops auseinandersetzen. Mögen diese Workshops Wirksamkeit zeigen – und die Relevanz des Themas auch zu jenen Programmverantwortlichen durchdringen, die dessen Dringlichkeit noch nicht verstanden haben.