Drei Mal die Woche streckt meine fast zweijährige Tochter mir morgens die  Zunge raus und macht "Aaaah". Ich streiche sie mit einem dieser Selbstteststäbchen ab. Die Fünfjährige fragt jedes Mal gelassen: "Und, beide negativ?" Ich antworte  "Ja" – und denke "Noch".

Die Wahrscheinlichkeit, sich in den kommenden Wochen mit Covid-19 zu infizieren, ist so hoch wie nie zuvor. Die Inzidenzen steigen und steigen, die besonders ansteckende Omikron-Variante wird schon bald überall dominieren. Meine beiden Töchter gehen in dieser Situation jeden Tag in die Kita. Weil ihre Eltern arbeiten müssen. Weil es den Kindern guttut. Weil ich glaube, dass meine Kinder Kontakte zu Gleichaltrigen ebenso brauchen wie weitere erwachsene Bezugspersonen. Und weil sie in den vergangenen zwei Jahren schon zu oft zu Hause bleiben mussten und isoliert waren.

Meine größere Tochter kann jetzt immerhin geimpft werden. Die kleine ist davon noch weit entfernt. Dass wir das Virus früher oder später im Haus haben, scheint unabwendbar zu sein. Das, was Eltern monatelang vermeiden wollten, tritt ein: Viele Kinder werden sich in diesem Winter infizieren. In Deutschland liegt die Inzidenz bei den bis Vierjährigen nach Angaben des RKI aktuell bei rund 226. Bei den Fünf- bis Neunjährigen liegt sie bei 471. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet damit, dass sich in den nächsten sechs bis acht Wochen mehr als die Hälfte der europäischen Bevölkerung mit Omikron infizieren könnte.

"Nun hat es uns auch erwischt", das höre ich in letzter Zeit auffallend oft. Seit einigen Wochen gibt es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer häufiger diese Fälle: Die Kinder infizieren sich und einige Eltern trotz Impfung und trotz Booster ebenso. Manchen geht es schlecht, andere merken wiederum fast gar nichts. Ins Krankenhaus musste zum Glück bislang niemand. Das bestätigt, was Forscherinnen und Wissenschaftler mit Blick auf die fünfte Welle und auf Omikron immer wieder betonen: Impfen – und vor allem Boostern – schützt davor, schwer zu erkranken. Dazukommt, dass bei den meisten Kindern der Verlauf mild ist. Nach wie vor müssen nur sehr wenige Kinder im Krankenhaus behandelt werden, auf die Intensivstationen kommen noch weniger. Das beruhigt ein Stück weit.

Omikron-Welle - Hört das denn nie auf? Die fünfte Welle ist unausweichlich. Gegen Omikron braucht es mehr als Boostern, Impfen und 2G. Warum wir aber nicht bei null anfangen und wie die Pandemie enden wird © Foto: ZEIT ONLINE/​Matthias Hecht, Max Boenke

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis es uns trifft?

Zwei Jahre lang habe ich und haben meine Kinder viel dafür getan, das Risiko einer Infektion so klein wie möglich zu halten. Wir haben Kindergeburtstage via Zoom gefeiert, digitale Ostereiersuche in Omas und Opas Garten veranstaltet, Ballett via YouTube gelernt. Und jetzt? Jetzt ist es vermutlich doch nur noch eine Frage der Zeit, bis wir es sind, die sagen: "Nun hat es uns auch erwischt."

Immer öfter habe ich Gedanken, die vor anderthalb Jahren unvorstellbar waren. Wenn ich morgens auf die Schnelltests schaue und darauf warte, ob die zweite Linie erscheint, ertappe ich mich dabei – fast schon trotzig – zu denken: Eigentlich könnten wir es jetzt auch einfach mal kriegen. Dann sind wir wenigstens durch damit! Denn ist der Immunschutz nicht noch besser, wenn man nach einer Impfung noch einmal die Krankheit durchmacht? Und dann hätte das ewige Warten darauf, dass es uns trifft, endlich ein Ende.