Sachsens Intensivstationen kommen ans Limit, Bayerns auch. Das letzte Mittel: Patientinnen und Patienten verlegen, wenn nötig auch über Bundeslandgrenzen. Sachsen will 20 transportfähige Patientinnen und Patienten in weniger betroffene Bundesländer wie Niedersachsen oder Schleswig-Holstein bringen lassen, Thüringen 14, Bayern 50. Erstmals greift nun das sogenannte Kleeblatt-Konzept. Was genau steckt dahinter? Und was passiert nun? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Alle Fragen im Überblick:

Was ist das Ziel des Kleeblatts?

Durch die vorausschauende Verlegung von einigen Intensivpatienten sollen in überlasteten Regionen Betten für neue Intensivpatienten freigehalten werden. Vor allem für solche, die nicht mehr transportfähig sind oder die als Notfall von einer Allgemeinstation oder von zu Hause in schlechtem Zustand auf die Intensivstation kommen.

Wir sind nicht im Krieg. Solange es irgendwo in Deutschland noch ein Bett gibt, gibt es für Triage keinen Anlass.
Jan-Thorsten Gräsner, Leiter des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin der Uniklinik Schleswig-Holstein

Experten wie Jan-Thorsten Gräsner sehen im Kleeblatt-Konzept einen Mechanismus, durch den zuletzt diskutierte Triage-Szenarien umgangen werden sollen. Wer in der aktuellen Situation von Triage rede, der kenne die Strukturen des Kleeblatt-Konzepts nicht und ignoriere die Möglichkeit, Patienten deutschlandweit zu verlegen, sagt Gräsner, Leiter des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin der Uniklinik Schleswig-Holstein, gegenüber ZEIT ONLINE. Gräsner, der auch Mitglied der Steuerungsgruppe COVRIIN zur strukturierten Verlegung im Kleeblatt-Konzept beim Robert Koch-Institut (RKI) ist, sagt: "Wir sind nicht im Krieg. Solange es irgendwo in Deutschland noch ein Bett gibt, gibt es für Triage keinen Anlass."

Auch Christian Karagiannidis, Intensivmediziner an der Lungenklinik Köln-Merheim und Leiter des Divi-Intensivregisters, sagt ZEIT ONLINE: "Wir müssen das Kleeblatt bundesweit aktivieren. Wir sollten nicht in Sachsen über Triage diskutieren, sondern darüber, wie wir Patienten gut auf das Bundesgebiet verteilen." Da sich die Lage in den Kliniken in Sachsen und Bayern in den kommenden Tagen weiterhin zuspitzen würde, dürfe bei der Verlegungsplanung keine Zeit verloren werden. 

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Wie funktioniert das Kleeblatt-Verfahren?

Deutschland wird dem System nach in fünf Abschnitte unterteilt. Kleeblatt Nord, das sind Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Im Kleeblatt Ost gehen Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf. Bayern (Kleeblatt Süd) und Nordrhein-Westfalen (Kleeblatt West) stellen jeweils ein eigenes Kleeblatt dar. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland bilden das Kleeblatt Südwest. 

Für jedes der fünf Kleeblätter gibt es eine Koordinationsstelle. Das kann zum Beispiel die ärztliche Leitung des Rettungsdienstes einer Großstadt sein oder eine zentrale Rettungsleitstelle in einem Bundesland. Die Stellen besprechen sich mit wichtigen Partnern vor Ort – und natürlich untereinander. Bei ihren Einschätzungen unterstützt werden sie auch von der COVRIIN-Gruppe am RKI, dem Divi-Intensivregister und durch das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum des Bundes (GMLZ). 

Weiterhin entschieden aber die Länder, wann sie für ihr Kleeblatt nach Hilfe suchen, sagt Intensivmediziner Christian Karagiannidis. Er sieht das kritisch, denn es könne dazu führen, dass einzelne Bundesländer zu lange warten. Er wünscht sich eine zentrale Steuerung der Pandemie aus Berlin.

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In welchen Bundesländern wurde das Kleeblatt-Verfahren nun aktiviert?

Zuletzt wurden Intensivpatientinnen bereits innerhalb der Kleeblätter transportiert, zum Beispiel im Kleeblatt Ost von Sachsen nach Sachsen-Anhalt. "Dafür muss sich das Kleeblatt Ost nicht mit Bundesländern außerhalb des Kleeblatts absprechen", sagt Gräsner. 

Dienstagabend nun signalisierten zunächst einzelne Kleeblätter, das Kleeblatt Ost (Thüringen, Sachsen, Berlin und Brandenburg) und das Kleeblatt Süd (Bayern), dass sie Hilfe brauchen. Andere Bundesländer sollen sie jetzt unterstützen, nicht nur mit freien Intensivbetten, sondern auch mit Transportmitteln. 

Ob und wie viele Patienten verlegt werden müssen, werde tagesaktuell entschieden, sagt Gräsner. Dabei komme es auch darauf an, wie viele Notfallintensivbetten überlastete Bundesländer wie Bayern und Sachsen noch schaffen könnten.

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Welche Patienten können transportiert werden?

Wichtig: Nicht jede Patientin auf der Intensivstation ist transportfähig. Infrage kommen nur Patienten, deren Zustand sich durch "Umlagern auf eine Transporttrage, in einen Hubschrauber oder einen Rettungswagen" nicht verschlechtern würde, sagt Jan-Thorsten Gräsner. 

Patientinnen, die bereits beim Umlagern im Intensivbett in der Klinik Kreislaufprobleme bekämen, sind für einen Transport zum Beispiel nicht geeignet. Deshalb müsse man sich für die Planung einer Patientenverlegung etwas Zeit nehmen, sagt Gräsner: "Es geht nicht um eine Verlegung innerhalb von fünf Minuten, sondern innerhalb von 24 Stunden."

Beim Kleeblatt-Konzept geht es ausschließlich um eine sogenannte horizontale Verlegung von Patienten. Das heißt, die Patienten erwartet in der neuen Klinik in Nordrhein-Westfalen keine schlechtere Versorgung als in der alten Klinik in Sachsen.

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Wie genau wird entschieden, welche Patienten transportiert werden?

Die Verlegung soll nach den "Empfehlungen für strategische Patientenverlegung im Kleeblatt-Konzept" ablaufen. Für einen Transport infrage kommen der Empfehlung nach Patienten mit einem stabilen Kreislauf, deren Beatmungssituation sich in den vergangenen 24 Stunden nicht verschlechtert hat. Die Patienten sollten nicht an einer Ecmo-Lungenersatzmaschine behandelt werden, die das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff anreichert, und sich in einer stabilen Rückenlage befinden, nicht in der Bauchlage. Ein Hindernis für den Transport kann auch sein, wenn Patienten zu groß oder zu schwer sind. Ab einer Größe von 1,90 Meter und einem Gewicht von 120 Kilo müsse geprüft werden, ob ein Transport möglich ist. 

All diese Regeln sind als Richtwerte und nicht als starre Regeln zu verstehen. Entscheiden tun selbstverständlich die Ärzte. Man müsse sich die Patienten in Ruhe anschauen, sagt Jan-Thorsten Gräsner, "damit wir nur gut stabilisierte Patienten auf die Reise schicken. Da darf man sich nicht vertun." Denn schlimmstenfalls kommt es bei der Verlegung zu einem sogenannten Transporttrauma, einer Verschlechterung des Zustands, die auf den Transport zurückzuführen ist. Entscheidend ist zudem, dass Patientinnen und Patienten oder deren Angehörige einem Transport zustimmen.

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Womit werden Patienten transportiert?

Mit besonders gut ausgestatteten Transportmitteln, die die intensivmedizinische Versorgung, also etwa eine Beatmung oder Kreislaufunterstützung, auch während Reisen über viele Hundert Kilometer sicherstellen können. Infrage kommen Intensivtransportwagen, Großraumkrankenwagen, Intensivtransporthubschrauber, aber auch die Bundeswehr, "die mit einem dafür ausgestatteten Flugzeug gleich sechs Intensivpatienten auf einmal transportiert", sagt Gräsner. Auch Spezialwaggons der Deutschen Bahn könnten zum Einsatz kommen, die mit etwas Vorlauf entsprechend umgerüstet werden können.

Für einen Transport spiele auch das Wetter eine ausschlaggebende Rolle, sagt Gräsner. Bei zu wenig Sicht etwa, wie "an einem typisch norddeutschen Abend", fliegt auch bei der besten Planung kein Hubschrauber.

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Wer begleitet den Transport?

In der Regel kommen dafür nur Fachärztinnen und speziell ausgebildetes Rettungspersonal infrage. Zurzeit gäbe es in Deutschland ausreichend dieser Spezialisten, sagt Gräsner. Um eine ausreichende Qualifikation sicherzustellen, gibt es einen Intensivtransportkurs. Auch ein Intensivmediziner aus der Klinik, der dort einen hervorragenden Job macht, müsse sich auf die Situation in einem Intensivtransport einstellen. Anders als auf Station gibt es im Rettungswagen oder Hubschrauber kaum Platz zum Arbeiten, kein Labor oder CT-Gerät. Am besten geeignet, sagt Gräsner, seien deshalb Intensivmediziner, die eine volle Qualifikation als Notarzt hätten. 

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Wie viel kostet ein Transport?

Das kommt darauf an, welches Intensivtransportmittel eingesetzt wird – und in welchem Bundesland. Ein Intensivtransport in Schleswig-Holstein koste pauschal 800 Euro am Tag, sagt Gräsner. In anderen Bundesländern würde nicht nach Pauschale, sondern nach gefahrenen Kilometer abgerechnet. Falls geflogen werden muss, ginge es dabei auch um Kosten pro Flugminute und die entsprechende Entfernung. Die Kosten, die entstehen, werden dabei nicht auf die Kliniken oder gar die Patienten abgewälzt. "Es gibt im Moment eine Kostenübernahmeerklärung der einzelnen Bundesländer und ein Hilfsangebot der Bundeswehr", erklärt Gräsner. 

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