UN-Generalsekretär António Guterres hat eine bedingungslose und sofortige Waffenruhe in Äthiopien gefordert. Die Konfliktparteien sollten die Waffen schweigen lassen, "um das Land zu retten", sagte Guterres. Nur im Dialog könne die Stabilität in der Region wiederhergestellt werden. 

Auch die US-Regierung appellierte an die Konfliktparteien, miteinander in Dialog zu treten. "Es gibt keine militärische Lösung für den Konflikt in Äthiopien", sagte ein Sprecher des US-Außenamts. Verhandlungen seien die "erste, letzte und einzige Option" in dem Konflikt.

Die Regierung in Washington, D. C., sei informiert über Berichte, wonach Ministerpräsident Abiy Ahmed sich selbst an die Front begeben habe, sowie über Ankündigungen prominenter äthiopischer Sportler, Parlamentarier und Regionalpolitiker, es dem Regierungschef gleich zu tun, sagte der Sprecher weiter. "Wir appellieren an alle Parteien, von einer aufrührerischen und kriegerischen Rhetorik abzusehen, sich in Zurückhaltung zu üben, die Menschenrechte zu achten, humanitären Zugang zu erlauben und Zivilisten zu schützen."

Rotes Kreuz: Hilfe wird immer schwieriger

Wo genau an der Front sich Abiy befinden soll, war zunächst unklar. Offizielle Vertreter aus Addis Abeba äußerten sich nicht zu dem Aufenthaltsort des Regierungschefs, auch Bilder von ihm an der Seite der Soldaten wurden nicht veröffentlicht. Nach Angaben des Senders Fana inspirierte Abiy zahlreiche Äthiopier, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Hunderte neue Rekruten nahmen demnach an einer Zeremonie im Bezirk Kolfe der Hauptstadt teil.

Der Vielvölkerstaat Äthiopien droht durch die anhaltenden Kämpfe zu zerfallen. Regierungschef Abiy Ahmed war 2018 mit dem Versprechen an die Macht gekommen, Äthiopien zu reformieren. Er entmachtete die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die das Land 25 Jahre lang dominierte. Im Herbst 2020 hielt die TPLF eigenmächtig Wahlen in ihrem Machtbereich, der nördlichen Region Tigray, ab und griff kurz danach eine Militärbasis an. Abiy ging militärisch gegen die TPLF vor. Mittlerweile hat sich der Konflikt auf weitere Landesteile ausgeweitet. Seither wurden Tausende Menschen getötet und mehr als zwei Millionen weitere vertrieben. Die TPLF hat sich inzwischen mit weiteren Rebellengruppen zusammengeschlossen, um Abiy zu stürzen.

Die Vereinten Nationen werfen allen Konfliktparteien schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz benötigen Hunderttausende Binnenflüchtlinge vor allem in den nördlichen Regionen Unterstützung. Für Helfer werde es immer schwieriger, zu ihnen zu gelangen. Wasser-, Nahrungs- und Strommangel erschwerten die Lage noch weiter. Seit Wochen sei es nicht möglich gewesen, humanitäre Hilfe nach Tigray zu schicken.

Die UN, die Afrikanische Union und die USA versuchen, in dem Konflikt zu vermitteln. Mitte November hatten mehrere internationale Regierungen ihre Bürgerinnen und Bürger in Äthiopien aufgefordert, das Land zu verlassen – auch die Bundesregierung. Die Vereinten Nationen kündigten ebenfalls an, ihr internationales Personal auszufliegen. Abiy war 2019 für seine Bemühungen um die Lösung des Grenzkonflikts mit dem Nachbarland Eritrea mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.