Gras macht Kiffende glücklich und wirkt entspannend. Gerade unter jungen Menschen ist es beliebt. Doch Kiffen ist auch riskant. Was Konsumierende bedenken sollten: Cannabis kann süchtig machen, die Hirnentwicklung und das Denken stören, depressive Zustände oder Angst auslösen oder zu schweren psychischen Erkrankungen beitragen. Durch Zusatzstoffe verunreinigtes Gras erhöht das Gesundheitsrisiko. Die Beschaffungskriminalität birgt weitere Probleme. Die derzeit eine Ampel-Koalition sondierenden Parteien SPD, Grüne und FDP streben deshalb eine Legalisierung von Cannabis an. Was spricht dafür und was dagegen? Und öffnen nun bald überall Coffee Shops? 

Alle Fragen im Überblick:

Welche Argumente haben Befürworter der Cannabis-Legalisierung?

Für die Legalisierung spricht, dass der Konsum in breiten Teilen der Gesellschaft Realität ist, aber meist im Verborgenen stattfindet. Häufig wird der Vergleich zum Alkoholkonsum, manchmal auch zu Tabak gezogen. Beides ist in Deutschland legal, beides schädigt die Gesundheit, und die Abhängigkeit von Alkohol ist laut Studien sogar höher als die von Cannabis

Anders als Schnaps und Zigaretten wird Cannabis meist illegal in Parks oder an Straßenecken gekauft. Dadurch würden nicht nur Dealer, sondern auch Kundinnen kriminalisiert, argumentieren die Befürworter. Die ohnehin schon überlasteten Sicherheitsbehörden und die Justiz würden durch eine Legalisierung entlastet. 

Zugleich ist der Konsum von illegal gekauftem Cannabis gefährlicher: Für Gras, das man auf der Straße kauft, gibt es keine Qualitätsstandards. Eine Legalisierung würde verunreinigten Stoff zurückdrängen, so die Hoffnung. Auch die Inhaltsstoffe im Gras selbst wären damit besser kontrolliert. Die Konzentration des Wirkstoffs THC ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Er zählt zu den wichtigsten Stoffen im Cannabis, die einen Rausch auslösen, höhere THC-Dosen werden mit negativen Auswirkungen der Droge in Verbindung gebracht. Je häufiger jemand Cannabis konsumiert und je höher der Gehalt des Wirkstoffs THC darin ist, desto wahrscheinlicher sind solche schweren psychischen Folgen.

Andere erhoffen sich von einer Legalisierung sogar finanziellen Aufschwung. Legales Gras würde versteuert, das Geld könnte in Prävention und Suchtberatung fließen. Würde der Anbau von Cannabis in Deutschland erlaubt, könnte das eine Nische für Landwirte sein. Der Bauernverband rechnet mit bis zu 20.000 sozialversicherungspflichtigen Jobs, die geschaffen werden könnten.

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Welche Argumente haben Kritiker einer Legalisierung?

Cannabis gilt als Einstiegsdroge. Nach Gras gingen junge Menschen oft zu Härterem über, argumentieren die Kritikerinnen. "Am Beispiel der Niederlande sieht man, dass die Legalisierung von weichen Drogen auch zu einer drastischen Ausweitung der harten Drogenszene geführt hat", sagt Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. 

Es gebe bisher kein Land auf der Welt, das Cannabis legalisiert hat und wo man sagen könne: "Die können Vorbild sein, die machen es richtig!" Das zeigt auch eine Untersuchung der europäischen Behörde für Drogenüberwachung (EMCDDA) über die Erfahrungen aus amerikanischen Ländern, die Cannabis legalisierten. Studien dazu seien insgesamt widersprüchlich, heißt es darin. Oft sei unklar, ob sich der Konsum durch Legalisierung langfristig erhöhe. Träfe das ein, wären insgesamt mehr Menschen durch die Droge gefährdet – denn der Konsum von Cannabis ist eben mit Risiken verbunden. Derzeit ist also unklar, worauf Deutschland sich einlässt, wenn Cannabis legalisiert würde.

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Wie gefährlich ist Cannabis?

Eine in diesem Jahr erschienene Analyse von zahlreichen Studien kam zu dem Ergebnis, dass etwa einer von zehn Cannabis-Konsumenten eine Cannabis-Konsumstörung entwickelt. Damit können leichtere Probleme gemeint sein, etwa Vergesslichkeit oder Probleme beim Denken, die sich wieder zurückentwickeln, wenn weniger konsumiert wird. Das können aber auch schwere psychische Störungen sein – etwa Psychosen. Diese wurden mit zunehmendem Cannabiskonsum in den vergangenen Jahrzehnten häufiger beobachtet. Ob das Gras grundsätzlich der Auslöser ist oder eher eine genetische Veranlagung und das Gras Psychosen nur fördert, ist allerdings nicht klar. Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Jugendliche sind besonders betroffen. Weil ihr Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet, kann Cannabis zu Entwicklungsstörungen führen. 

Besonders riskant ist das Kiffen von verunreinigtem Gras: Sogenanntes Chemiegras, das mit synthetischen Cannabinoiden oder anderen Substanzen besprüht ist. In den USA werde sogar Heroin auf Joints aufgesprüht, schildert der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ZEIT ONLINE. Solche Zusatzstoffe machten Konsumierende schneller abhängig. In Deutschland aber hätten Ermittler bisher nur Beimengungen von Cannabinoiden und Amphetaminen festgestellt, sagte Lauterbach und präzisierte damit seine Interviewäußerungen in der Rheinischen Post. Bei höherer Dosierung der Zusatzstoffe kann der Konsum tödlich enden. Das BKA warnt, dass eine solche Verunreinigung in den vergangenen Jahren zugenommen habe.

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Wie ist die derzeitige Rechtslage zu Cannabis?

Der Konsum ist erlaubt, Besitz und Handel sind ebenso strafbar wie der Anbau. Wer mit Gras in der Tasche erwischt wird, muss zunächst mit einem Ermittlungsverfahren rechnen. Das Verfahren wird, abhängig vom Bundesland und der Landespolizei, unterhalb bestimmter Geringfügigkeitsgrenzen aber oft eingestellt. In Berlin weist die Staatsanwaltschaft in ihrer Einstellungsmitteilung die Adressaten vorsorglich darauf hin, "dass Sie eine Straftat begangen haben". Wer mit größeren Mengen erwischt wird, muss mit einer Geld- oder Freiheitstrafe bis zu fünf Jahren rechnen. Gerichte können von Strafe absehen, wenn der Angeklagte erkennbar nur seinen Eigenbedarf deckte.

Ärzte in Deutschland dürfen unter engen Voraussetzungen cannabishaltige Medikamente verordnen, etwa Patienten mit Spastik, ADHS, Depressionen oder in der Schmerztherapie. Zur Anwendung kommen hier teils auch synthetisch hergestellte Wirkstoffe der Cannabisblüten, darunter das als Rauschmittel bekannte, teils auch synthetisch hergestellte THC (Tetrahydrocannabinol). Zum Teil wird das Cannabis für diesen Zweck direkt in Deutschland angebaut. 

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Welche Vorschläge zur Cannabis-Legalisierung diskutieren SPD, Grüne und FDP?

Alle drei Ampel-Parteien haben einen Konsens darüber, dass die bisherige Drogenpolitik nicht zielführend sei und es eines neuen Umgangs damit bedürfe. 

Für eine Legalisierung spricht für die SPD vor allem das Scheitern der Verbotspolitik. Die Kriminalisierung von Konsumenten habe den Konsum nicht gesenkt. Die Partei schlägt eine regulierte Abgabe in Modellprojekten vor, außerdem eine bundesweit einheitliche Regelung, "dass der Besitz kleiner Mengen von Cannabis strafrechtlich nicht mehr verfolgt wird". SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach plädiert für eine wissenschaftliche Begleitung: "Man muss die Auswirkungen beobachten, man muss sehen, wie reagieren die Dealer darauf, wie reagieren die Abhängigen", sagt er.

Die Grünen streben den regulierten Verkauf in lizenzierten Fachgeschäften an, begleitet von einem "strikten Jugend- und Verbraucherschutz" und klaren Regelungen für die Teilnahme am Straßenverkehr. Den medizinischen Einsatz von Cannabis will die Partei verbessern und die Forschung auf dem Feld unterstützen. 

Auch die FDP ist für lizenzierte Geschäfte, in denen volljährige Personen Gras kaufen können. Besitz und Konsum sollen erlaubt werden. Die Liberalen erhoffen sich davon zusätzliche Steuereinnahmen von bis zu einer Milliarde Euro, die in Prävention, Behandlung und Beratung fließen sollen. 

Ampel-Sondierungen - SPD, Grüne und FDP wollen am Freitag über Koalitionsverhandlung entscheiden Nach den bisherigen Sondierungen äußerten sich Vertreter von SPD und Grüne am Dienstag optimistisch. Auch die FDP lobte den Ton der Gespräche, gab sich aber reservierter. © Foto: Annegret Hilse/Reuters

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Was sagt die Polizei zu den Forderungen, Cannabis zu legalisieren?

Es gibt zum Thema Cannabis keine einheitliche Haltung von Polizeivertretern. Die beiden großen Polizeigewerkschaften DPolG und GDP warnen vor einer Legalisierung. Cannabis sei wie Alkohol eine "gefährliche und oft verharmloste" Droge beziehungsweise eine "gefährliche Einstiegsdroge" und wegen der Unkontrollierbarkeit der Zusammensetzung insbesondere für junge Menschen eine Gefahr.

Der Bund der Kriminalbeamten (BDK) ist für eine Entkriminalisierung, ein Verbot sei "weder intelligent noch zielführend". Im Gegensatz zu einer von den Parteien angestrebten Legalisierung bedeute Entkriminalisierung nicht, dass Cannabis frei verkäuflich wäre, sondern lediglich, dass der Kauf und Konsum straffrei bliebe. Und wenn schon legalisiert werde, dann möglichst nur in Modellprojekten und unter der Voraussetzung, dass Konsumenten ein Beratungsgespräch bekommen müssten.

Die Polizeibehörden äußern sich selbst nicht politisch. Ihre Dienstherren, die Innenminister der jeweiligen Bundesländer, haben sich bisher mehr oder weniger vehement gegen eine Legalisierung ausgesprochen, etwa in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Der Berliner Innensenator wiederum ist für die Legalisierung. Die Drogenbeauftragte der scheidenden Bundesregierung plädiert dafür, dass die Polizei den Besitz von bis zu sechs Gramm nur noch als Ordnungswidrigkeit ahndet, nicht als Straftat.  

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Wie wahrscheinlich ist es, dass Cannabis in Deutschland legalisiert wird?

Mit Sicherheit sagen lässt sich bisher nur: Alle drei Ampel-Parteien sind dafür, Cannabisbesitz über die bereits ärztlich verantworteten Therapiezwecke hinaus in bestimmtem Rahmen weiter zu entkriminalisieren. Wie weit dieser Rahmen gehen wird, hängt von den sich anbahnenden Koalitionsverhandlungen ab. 

Im möglichen Koalitionsvertrag dürfte die Grundlinie gezogen werden, anhand derer die künftigen Koalitionsfraktionen und das künftige Gesundheitsministerium die weitere Legalisierung in Gesetzesform bringen. Das Projekt ist aber eines von vielen und steht sicher nicht an vorderster Stelle. 

Dass binnen der ersten 100 Tage Ampel-Koalition in Deutschland schon die ersten Coffee Shops nach niederländischem Vorbild aufmachen, ist eher unwahrscheinlich. Man kann aber davon ausgehen, dass es liberaler wird als bisher. 

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