In der Corona-Krise wird eine alte Masche ganz neu erfunden: der Enkeltrick. Betrüger rufen vor allem Senioren an. Sie sagen, sie sammelten Spenden für ein mit dem Virus infiziertes Familienmitglied. Dann kassieren sie das Geld. Manche kommen auch persönlich vorbei, in Atemmaske und Schutzanzug. Sie sagen, sie seien vom Gesundheitsamt und müssten die Wohnung inspizieren. Dabei lassen sie Geld und Wertsachen mitgehen. "Die Drehbücher für die Betrüger existieren schon", sagt Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). "Sie werden jetzt nur aktualisiert."

Die Corona-Krise verändert das Wesen der Kriminalität, und das weltweit. Medellín in Kolumbien, lange Zeit eine der gefährlichsten Städte der Welt, verzeichnete im März die geringste Mordrate seit 40 Jahren; die städtischen Behörden interpretieren das als positives Resultat der Quarantäne. In Italien hingegen berichten Experten von einem Erstarken der Mafia, die ins Straucheln geratenen Unternehmern vermeintlich unter die Arme greift – und so ihre Macht ausbaut. Weniger Gewaltkriminalität, dafür mehr Erpressung und Betrug? Gilt das auch für Deutschland?

Die Kontaktbeschränkungen in Deutschland sind seit dem 23. März in Kraft, entsprechend schwierig ist, jetzt schon konkrete Zahlen zu besorgen. Es gebe noch keine bundesweit erfassten Daten, heißt es beim Bundeskriminalamt (BKA). Erste Bundesländer geben allerdings Informationen heraus, darunter Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen.

Deren Befunde ähneln sich: Die Zahl der Taschendiebstähle und Wohnungseinbrüche hat deutlich abgenommen. Beides ist irgendwie logisch in Zeiten, in denen niemand draußen, aber fast jeder zu Hause ist. Zugleich warnen die Behörden vor Betrügern.

Ein Beispiel dafür, wie Betrüger sich an die Lage anpassen, ist die Medikamentenfälschung. Mitte März, so erzählt es GdP-Mann Radek, seien Zoll und Polizei in einer gemeinsamen Aktion gegen illegalen Arzneimittelhandel vorgegangen. Rund 6.000 Medikamentenpäckchen wurden dabei kontrolliert, die meisten kamen aus Asien. Rund 1.300 von ihnen, so Radek, hätten gefälschte Produkte enthalten. Das ist mehr als ein Fünftel. Es handelte sich um Tabletten, Kapseln und Ampullen, die nicht wirken. Oder um Atemschutzmasken, die keine Viren filtern. Radek spricht vom "Geschäft mit der Angst". Der europäischen Polizeibehörde Europol zufolge ist der Verkauf gefälschter Schutzmaterialien und Medikamente in der Corona-Krise weltweit um ein Vielfaches gestiegen.

Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und von 2000 bis 2003 niedersächsischer Justizminister, sagt: "Die Formen der Kriminalität haben sich verschoben." Natürlich sei die Zahl der Überfälle und Einbrüche drastisch zurückgegangen. Das gelte sogar für Geschäfte und Büros. Grund seien die Ausgangsbeschränkungen und die leeren Straßen. "Da fallen Einbrecherbanden leichter auf", sagt Pfeiffer. Die verstärkten Grenzbestimmungen hätten zudem dazu geführt, dass auch weniger Kriminelle aus dem Ausland nach Deutschland kämen.

Zugenommen hätten hingegen, so sieht es auch Pfeiffer, Betrugsfälle im Internet.

Das Bundesinnenministerium warnt inzwischen vor neuen Formen der Cyber-Kriminalität. Sei es in Form falscher Spendenaufrufe, der Verbreitung von Falschnachrichten oder auch schadhafter Apps und Phishing-Mails. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen etwa berichtet über E-Mails, die vermeintlich von der Sparkasse stammen und in denen man Kunden mitteilt, dass man wegen Corona nur noch über Mail und Telefon erreichbar sei – und deshalb um die Übermittlung von Kontaktdaten bittet. Die Mail ist ein Fake. Mehrere Bundesländer warnen inzwischen auch vor betrügerischen Internetseiten, auf denen man sich vermeintlich für Corona-Soforthilfen registrieren kann.

Kriminologe Pfeiffer sieht Gefahren nicht nur um virtuellen Raum, sondern auch im realen Leben, etwa im Bereich der organisierten Kriminalität. Ähnlich wie in der Vergangenheit in Italien könnte die Mafia künftig auch in Deutschland pleitegegangene Restaurants und Kleinbetriebe aufkaufen, sagt er – um so Geldwäsche zu betreiben. Die Hilfsmaßnahmen der deutschen Regierung, etwa die finanzielle Unterstützung kleiner Unternehmen, seien ein wichtiger Schritt, um das zu verhindern.