Susanne Förster ist Lehrerin an einem Gymnasium in Baden-Württemberg. Ihr Name und die Namen der Schüler und Schülerinnen sind geändert.

Ich fürchte mich vor dem neuen Jahr, denn es ist alles beim Alten. Wie in den vergangenen Monaten gehört es auch 2022 zu meinen Aufgaben, in den ersten 20 Minuten Unterricht mit 30 Fünftklässlern Corona-Tests durchzuführen. Zuerst rupfe ich sechs kleine Pappschachteln und 18 Plastiktütchen auseinander, um dann sechsmal fünf einzeln verpackte Tests auszupacken und zu verteilen. Dann überwache ich, dass alle tief in der Nase bohren, gleichzeitig die Testkassette beträufeln, ohne vorher versehentlich den Trichter fallen zu lassen. Sonst fangen wir von vorne an. Testergebnisse trage ich in Listen ein – und die Kinder und ich atmen erleichtert auf, wenn kein Test positiv ausgefallen ist.

Ich habe aber auch Routine darin entwickelt, positiv getestete Schüler und Schülerinnen möglichst ruhig und gelassen nach draußen zu führen (den Rest der Klasse überlasse ich sich selbst). In beruhigendem Ton rede ich auf das Kind ein, dem die Angst ins Gesicht geschrieben steht, bis die Eltern es zu einem PCR-Test abholen. An Unterricht ist jedenfalls in der ersten Stunde nicht mehr zu denken. Erst recht nicht, wenn die Eltern mir am Telefon erklären, dass sie leider nicht an die Schule kommen könnten, da sie an Corona erkrankt seien. Warum war das Kind eigentlich in der Schule? Ich habe aufgehört, mich zu wundern.

Vor Weihnachten hatte ich in jeder meiner neun Klassen Corona-Patienten, die ich alle über Moodle mit Aufgaben versorgt habe. Mit Omikron wird das kaum weniger werden. Ich fahre also wie gewohnt zweigleisig: in Präsenz und digital und bin dankbar für das Dienst-iPad, das ich dafür nutzen kann – halt! – könnte. Wenn mein Schulträger mir ein stabiles Netz zur Verfügung stellen würde. Das wird aber noch ein bis zwei Jahre dauern, hieß es neulich. Irgendetwas am Gerät selbst funktioniert auch gerade nicht. Meinen Kollegen Klaus möchte ich damit aber nicht belästigen. Der Mathe- und Geografielehrer ist zwar unser IT- Beauftragter, bekommt aber nur zwei klägliche Deputatsstunden pro Jahr dafür, dass er sich um die 100 Laptops seiner Kollegen und Kolleginnen und um die über 80 Computer an der Schule mitsamt den Beamern und TV-Geräten kümmert.

Franzi aus dem Abi-Jahrgang und in Quarantäne fragt mich, ob ich sie per Videokonferenz in den Unterricht zuschalten könnte. Ich probiere es jede Stunde aufs Neue. Der Kampf mit der Technik hat ja schließlich Unterhaltungswert für die Jugendlichen. Doch auch ohne zuverlässiges Wlan in der Schule bleibe ich mit den Schülern und Schülerinnen in Kontakt: Ich beantworte eben nachmittags oder abends ihre Fragen über unseren Messenger. "Was war nochma für morgen auf?", fragte mich neulich Leon aus der 6b abends um 22 Uhr. Im Unterricht ermahne ich ihn etwa elfmal in 90 Minuten, seine Maske bitte bis über die Nase zu schieben. Meine schriftliche Bitte an seine Eltern, das Thema Maskenpflicht einmal zu besprechen und eine passende Maske zu besorgen, blieb unbeantwortet.

Eltern konnten den Unterricht live verfolgen

Ansonsten ist der Kontakt zu den Eltern seit Corona viel intensiver geworden. Schließlich konnten viele Mütter und Väter im vergangenen Jahr meinen Unterricht per Zoom oder Moodle oder Teams live mitverfolgen. In Elterngesprächen fallen nun schon mal Sätze wie: "Die Azra hat sich doch in den Grammatikstunden gar nicht so oft gemeldet wie unsere Lena. Wieso hat die denn 'ne zwei mündlich und Lena 'ne drei?", werde ich gefragt.

Einige Eltern machen nun gerne direkte Ansagen, gerne auch im schroffen Tonfall. Auch im Kollegium ist die Stimmung gereizter geworden. Unser Schulleiter etwa holte mich neulich während des Unterrichts aus dem Klassenzimmer und beschwerte sich, er habe nichts gewusst von der Rauferei auf dem Schulhof. Blut sei da geflossen, so etwas müsse ich doch melden! Hatte ich doch, Chef! Gleich zweimal per Mail und über den Konrektor, bei dem ich vorgesprochen hatte.