Schulen bleiben offen! Keiner, nicht mal die sonst so vorsichtige Nochbundeskanzlerin Angela Merkel fordert, die Kinder wieder nach Hause zu schicken. Theoretisch zu Recht. Denn einige Kinder sind während der Schulschließungen dick und depressiv geworden oder haben verpasst, angemessen rechnen oder schreiben zu lernen. Außerdem sind die meisten Lehrkräfte mittlerweile geimpft. 

Doch leider hat das Mantra "Schulen bleiben offen" bereits jetzt im späten Herbst nichts mehr mit der Praxis zu tun. Kinder stecken sich an, auch untereinander – und zwar massenhaft. Bei Kindern und Jugendlichen liegt die Inzidenz in vielen Bundesländern bei über 1.000. Am Ende sitzen die Infizierten und einige ihrer Klassenkameraden eben doch zu Hause, zwar nicht wegen angeordneter Schulschließungen, sondern wegen einer Quarantäne. 

Die Politik reagiert auf die steigenden Zahlen in Schulen mit hilflosen Maßnahmen. Etwa in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, wo die Präsenzpflicht wieder ausgesetzt wird. Eltern, die sich verständlicherweise vor der Infektion fürchten, können ihre Kinder zu Hause behalten. Das heißt, dass noch mehr Kinder zu Hause sitzen – und zwar nicht wie bei einer Schulschließung im Digitalunterricht – sondern meist ganz ohne Unterricht.

Denn Hybridunterricht wird es kaum geben. Einige wenige Lehrkräfte kriegen es vielleicht hin, die zu Hause Gebliebenen digital dazuzuschalten. Aber die meisten Schulen können sich das nicht leisten: Lehrer fehlen ohnehin, im Herbst sind zudem viele krank. Abgesehen davon, dass auch sie in Quarantäne müssen oder mit Impfdurchbrüchen zu Hause sind. Vorbereitet sind die Schulen darauf auch nicht. Es galt ja das Mantra: Schulen bleiben offen.

Wenn nur die Präsenzpflicht ausgesetzt wird, werden wieder – wie während der Schulschließungen – die am meisten leiden, die ohnehin benachteiligt sind. Entweder indem sie in der Zeit zu Hause nichts lernen, weil ihre Eltern ihnen nicht helfen können. Oder indem sie sich in der Schule infizieren, weil ihre Eltern nicht im Homeoffice arbeiten und ihre Kinder nebenbei betreuen können.

Die zweite, gerade verbreitete, aber ebenso hilflose Maßnahme, ist die Durchseuchung. In einigen Bundesländern werden nur noch die nach Hause geschickt, die PCR-bewiesen infiziert sind. Nicht die Klasse, in der die Aerosole sich verteilt haben, nicht einmal mehr die direkten Sitznachbarn müssen in Quarantäne. Entweder ordnen die Schulämter das so an oder es passiert eben, weil das Gesundheitsamt Kontakte gar nicht mehr nachverfolgen kann. Eltern, die sich weniger um Corona und mehr um die psychischen und sozialen Folgen vom Zu-Hause-Sitzen ihrer Kinder sorgen, können vielleicht damit etwas anfangen. Aber ganz ehrlich? Was ist das für ein böses Spiel mit der Gesundheit einzelner Kinder, die vielleicht doch schwer erkranken oder an Long Covid leiden werden – oder der der Angehörigen?

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Dort, wo sich längst ständig ein Kind nach dem anderen infiziert, müssen die verantwortlichen Politikerinnen nun endlich ehrlich werden: Diese Schulen und die Kinder brauchen die Rückkehr zum Wechselunterricht. Er ist durch die vergangenen Wellen erprobt und deutlich besser, als Kinder ohne Unterricht zu Hause hocken zu lassen. Er ermöglicht es, Abstand in der Schule und den Unterricht für alle zu halten. Da, wo die Zahlen hoch sind und die technischen Möglichkeiten da sind, ist das allemal besser, als die Benachteiligten weiter zu schwächen.

Was leider erst im nächsten Jahr wirken wird, aber doch jetzt beschlossen werden sollte: eine schnelle Impfpflicht für die Erwachsenen und, liebe Stiko, eine ebenfalls schnelle Empfehlung für die Kinderimpfung, wenn sie denn wissenschaftlich vertretbar ist.

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Und wieder mal wirkt sich die Pandemie zu Ungunsten der Schwächsten aus. Aber nur den Fehler bei den Schulen und ihren ›unzureichenden Konzepten‹ zu suchen, ist falsch. Lehrer sind nicht dafür ausgebildet so zu unterrichten oder derartige Krisensituationen zu managen. Selbst wenn mittlerweile technisch mehr vorhanden ist als vor den Lockdowns, fehlt es einfach in der Umsetzung und dem Training, hier vor allem bei den Schülern. Dafür wären aber die Eltern verantwortlich: dass vor der Kamera mitgearbeitet wird, dass Übungen auch zu Hause gemacht werden, dass das Lernen ernst genommen wird. Daran scheitert es aber auch schon zu normalen Zeiten. Bildung wurde in den letzten Jahren immer mehr abgewertet. Auch der Lehrerberuf hat an Anerkennung und Attraktivität verloren. Lehrer müssen sich heute um viel mehr Probleme kümmern, als vor 30-40 Jahren. Das Niveau ist auch allgemein gesunken. Ich stelle das selbst immer wieder mit erstaunen im Fach Mathematik fest. Corona macht nur noch deutlicher, was in den letzten 15 Jahren in der Bildungspolitik falsch lief.