Nach den Sommerferien des Jahres 1945 öffneten die deutschen Schulen wieder. Viele Schulgebäude waren noch zerstört. Material und Lehrer fehlten. Trotz dieser schwierigen Situation setzten sich die westlichen Alliierten große Ziele: Die Schulen sollten zu Orten demokratischer Erziehung werden. Lange galten ihre aus diesem Wunsch geborenen Reformen als weitgehend gescheitert. Sie standen jedoch am Beginn eines erstaunlichen Wandels der westdeutschen Schulkultur.

Sonja Levsen lehrt an der Universität Freiburg europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland.

Was für Pläne hat das Kultusministerium in Bezug auf die Entnazifizierung der politisch belasteten Lehrkräfte? Diese Frage richtete Anfang 1947 nicht die amerikanische Militärregierung, sondern die noch junge Münchner Schülerzeitung Das Steckenpferd an den bayerischen Kultusminister Alois Hundhammer (CSU). Trotz des Papiermangels der Nachkriegszeit war es schon 1946 Schülern des Münchner Theresiengymnasiums gelungen, eine erste Ausgabe herauszubringen. Anfangs wurde Das Steckenpferd an Schulen in ganz München verkauft, bald auch im Buchhandel und sogar überregional per Post vertrieben. Es berichtete über den neuen Stadtjugendrat und die jüngst gegründeten politischen Diskussionsgruppen, über Kultur und Alltag in der Nachkriegsstadt. Aus seinen Seiten spricht ein ausgeprägtes politisches Interesse und keine Scheu vor Autoritäten. Die Artikel von Das Steckenpferd passen damit wenig zu immer noch verbreiteten Vorstellungen einer "unpolitischen" und "autoritätshörigen‘"deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Der Erfolg dieser frühen Schülerzeitung steht beispielhaft für einen erstaunlichen Aufbruch im deutschen Schulwesen nach 1945. Seit den Gesamtschuldebatten der Siebzigerjahre haben Bildungspolitiker den Blick zurück in die Nachkriegszeit meist mit der Frage verbunden, warum nicht schon damals eine Strukturreform des deutschen Schulsystems gelungen sei. Eine solche Reform hatte in der Tat auf der Agenda der alliierten Schulpolitik gestanden. Bildung zu demokratisieren, hatte für die Besatzungsmächte unter anderem bedeutet, Schüler länger gemeinsam lernen zu lassen. Verschiedene Konflikte und Widerstände von deutscher Seite ließen das ins Leere laufen.  

Die deutschen Schulen zu demokratisieren, bedeutete jedoch für die westlichen Alliierten auch anderes, und das war folgenreich. Als grundlegend für die Demokratisierung der Deutschen galt vor allem US-Amerikanern und Briten ein Wandel der Schulkultur. Sie erschien ihnen als "autoritär". In deutschen Klassenzimmern wehte ihrer Ansicht nach ein hierarchischer Geist, Relikt einer preußischen Erziehungstradition. Deutsche Schulen erzögen Untertanen, nicht aber demokratische Staatsbürger, lehrten Gehorsam und Einordnung, nicht kritisches Denken und Partizipation.

Sonja Levsen ist Historikerin und lehrt als Privatdozentin an der Universität Freiburg europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 2017 habilitierte sie sich mit dem Buch "Autorität und Demokratie. Eine Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland und Frankreich, 1945-1975" (Wallstein, 2019). Gefördert wurde die Forschung für das Buch mit einem Dilthey-Fellowship der VolkswagenStiftung. © privat

Diese Diagnosen unterstrich auch eine hochrangig besetzte amerikanische Studienkommission, die im Sommer 1946 Deutschland bereiste. Den Vorsitz hatte der Präsident des American Council of Education, George F. Zook. Der Kommissionsbericht erreichte rasch ein breites deutsches Publikum: Über 100.000 Exemplare der deutschen Ausgabe wurden im Herbst 1946 gedruckt, mehr als 30.000 Sonderdrucke zusätzlich an Kultusministerien und Lehrkräfte verteilt. Lehrer lasen hier nun, das nationalsozialistische Regime habe auf einer deutschen Gehorsamskultur aufbauen können. In deutschen Familien dominiere der Vater. Bleibe die Erziehung so "preußisch", könne man nicht darauf hoffen, dass die Deutschen sich vom "Führerprinzip" abwenden würden. Demokratie werde dann nur eine "leere Schale" bleiben.

Was ist eine demokratische Schule?

In die Familien einzugreifen, erschien den Autoren des Berichts problematisch. Von einer demokratischen Reform der Schulen hingegen erhofften sie sich viel. Was aber zeichnete eine demokratische Schule aus? Das Schulleben müsse "Erfahrungen mit einer demokratischen Lebensgestaltung" vermitteln, argumentierte der Zook-Report. Dazu benötige man "Klassenausschüsse, Diskussionsgruppen, Schulbeiräte, Schülervereinigungen", also vielfältige Möglichkeiten der Mitwirkung. Keinesfalls dürften Lehrer die Klasse dominieren. Hier klangen Vorstellungen einer Demokratie als Lebensform an, die auf John Dewey zurückgingen, den wohl einflussreichsten amerikanischen Pädagogen des 20. Jahrhunderts. Vor allem aber sollten die angestrebten Reformen den wahrgenommenen deutschen Untertanengeist besiegen.