Ein Volksentscheid kann in Hamburg nur noch vermieden werden, wenn sich die Landesregierung, der Senat, und die Initiative mit dem Namen "Wir wollen lernen" einigen. Nun haben die Kontrahenten am Freitag eine Entscheidung wieder vertagt. Aber auch wenn sie demnächst aufeinander zugehen, wäre die Bildungspolitik wieder bei dem Kuhhandel angekommen, mit dem Schwarz-Grün vor fast zwei Jahren begann. 

Die Grünen und die CDU erfanden im Frühjahr 2008 in den Koalitionsverhandlungen kurzerhand die sechsjährige Primarschule. Mit dem Spruch "Neun macht klug" waren die Grünen in den Wahlkampf gezogen. Ihr Ziel war mit Blick auf ein rot-grünes Bündnis eine neunjährige "Schule für alle" nach skandinavischem Vorbild. Die CDU hingegen hatte seit 50 Jahren eigentlich nur ein bildungspolitisches Credo: Das heilige Gymnasium bleibt tabu. Was machte es da schon, dass in dieser Zeit aus einer Fünf-Prozent- eine 50-Prozent-Schule geworden ist.

Nach der Kreation der neuen Schulform aus dem Stehgreif, so ganz ohne Bildungskommission, Modellversuch, wissenschaftliche Begleitung und was sonst Regierungen als Mindestausstattung jeder Reform verlangen, begannen die Koalitionspartner sich in ihr Produkt zu verlieben.

Ja, sie schienen zuweilen zu glauben, es wäre der Stein des Weisen. Der wurde mit guten Prinzipien poliert: Abschaffung der Ziffernnoten; Definition von Kompetenzen, die Schüler erreichen, statt Auflistung all der Inhalte, die Lehrer unterrichten sollen; vor allem die Individualisierung des Lernens wurde ganz groß geschrieben.

Reinhard Kahl © privat

So weit, so gut. Das sind alles Prinzipien, mit denen man gute Schule machen kann. Das sind die Grundsätze moderner Pädagogik. Was aber sollte passieren, wenn die neue, reformpädagogisch eingefärbte Schule nach der sechsten Klasse zu Ende geht? Denn das war ja der Beschluss, sechs Jahre gemeinsames Lernen und nicht mehr.

Nun hatte sich bereits vor der letzten Bürgerschaftswahl in Hamburg die allein regierende CDU dazu durchgerungen, die längst von den meisten Schülern verlassene Hauptschule aufzugeben. Zusammen mit Realschulen und den in Hamburg zahlreichen Gesamtschulen sollte sie in eine "Stadteilschule" – was immer das heißen soll - überführt werden. Dort soll das Abitur ebenfalls möglich sein, nach insgesamt 13 Jahren.

Natürlich waren die Reformer um die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch besorgt, die Stadtteilschule könnte sich dem Hoffnungsziel einer "Schule für alle" gar nicht erst nähern, bevor sie schon wieder die neue Restschule geworden wäre. Würden die meisten Familien nun nicht erst recht in den Sog des Gymnasiums geraten, wenn nur noch eine A- und eine B-Schule nach der Primarschule zur Wahl stünden? Also erwog man Quoten fürs Gymnasium und ließ dieses Vorhaben gleich wieder fallen, als es in der Öffentlichkeit Gegenwind auslöste.

Und dann machten die Primarschulreformer den größten denkbaren Fehler. Sie untermauerten ihre pragmatisch gemeinten Lenkungsabsichten nach der sechsjährigen Schule mit einer kühnen Hilfskonstruktion: Ausgestattet mit Kompetenzrastern und Kompetenztests könnten die Lehrer künftig nach sechs Jahren der reformierten Primarschule verlässlich entscheiden, ob sie ein A-Kind für die Welt des Gymnasium oder nur ein B-Kind, das im Stadtteil bleibt, vor sich hätten.

In der Schulbehörde wurden beim Umsetzen des politischen Kompromisses über Nacht aus Kritikern des selektiven Systems nun Konstrukteure einer renovierten Variante. Sie brachten das Kunststück fertig, sowohl die Ablehnung all derer auf sich zu ziehen, die bisher schon unter der Auslese gelitten hatten oder sie ablehnten, und die Angst derer noch hinzu zu gewnnen, die ihre Kinder notfalls mit täglicher Nachhilfe irgendwie durchs Gymnasium bekommen. Das war die Sünde.