Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt rasant. Viele Berufe, die es 2030 geben wird, sind heute noch gar nicht erfunden. Hochschulen begleiten diesen Wandel.

Früher war es einfach: Wer sich bereits in der Schule für Kunst und Bücher interessierte, studierte Germanistik oder Geschichte. Die Mathe-, Physik-, und Chemie-Fans landeten an der Uni beim Maschinenbau oder in der Informatik. Und diejenigen, die sich in der Kirche oder sozialen Einrichtungen engagierten, entschieden sich vermutlich für ein sozialwissenschaftliches Studium. Eine solche Trennung zwischen den Disziplinen verschwimmt heutzutage jedoch immer mehr. Etwa wenn Literaturwissenschaftler:innen digitale Methoden anwenden, um literarische Texte zu analysieren und so beispielsweise seltene sprachliche Muster bei verschiedenen Autor:innen vergleichen zu können. Oder wenn sich Sozialarbeiter:innen plötzlich ein Stück weit mit IT auskennen müssen, um ihren Job in smarten Wohnungen, in denen Klient:innen sie zu ihrem eigenen Schutz durch eine Vielzahl von Sensoren überwacht werden, weiter ausüben zu können. 

Viele Berufe verändern sich durch die Digitalisierung. Und zwar in einem Maße, das es bisher noch nicht gab. Auch neue Berufe entstehen: Social-Media Manager beispielsweise, die die soziale Strategie eines Unternehmens koordinieren, existieren nur in der Folge des Aufkommens sozialer Netzwerke Ende der 1990er Jahre. SEO-Spezialist:innen, die für Suchmaschinenoptimierungen zuständig sind, sind erst seit vergleichsweise kurzer Zeit gefragt, genauso wie E-Commerce-Manager, Online Marketing Manager oder KI-Expert:innen. 

Die Liste neuer Berufe ist lang

Ein Ende der Liste neuer Berufe ist nicht in Sicht. Ständig kommen neue hinzu wie Cyber Security Expert:innen, die damit beauftragt sind, die Verwendung von mobilen Geräten sicherer zu machen. Oder UX-Designer:innen, die den Fokus auf die visuelle Gestaltung interaktiver Anwendungen legen. Die Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt und die Berufe der Zukunft so stark, dass Forscher wie der Schweizer Futurist Gerd Leonhard schätzen, dass die Hälfte der Berufe, die es im Jahr 2030 geben wird, heute noch nicht erfunden sind. 

Den Hochschulen kommt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, die Prozesse der Veränderung zu begleiten und ihrerseits voranzutreiben. Sie bereiten mit neuen Studiengängen Menschen auf die Jobs im Zeitalter der Automatisierung vor. Beispiele gibt es einige. So hat etwa die Beuth Hochschule für Technik in Berlin 2016 den Studiengang "Betriebswirtschaftslehre - Digitale Wirtschaft" ins Leben gerufen oder die Fachhochschule Mittweida den Bachelor Studiengang "Automation - Industrie 4.0".

Neuer Studiengang Computer Engineering 

In anderen Fächern werden die Studierenden darin fit gemacht, selbst die Digitalisierung durch das Entwickeln neuer Technologien zu beschleunigen. Ein solcher Studiengang wird ab dem Winter 2021 an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule (RWTH) Aachen angeboten. Computer Engineering heißt dieser Studiengang, in dem sich Informatik und Elektrotechnik mischen. "Menschen, die sich an dieser Schnittstelle zwischen digital und analog auskennen, werden künftig immer wichtiger werden", bestätigt der Universitätsprofessor und Elektrotechniker Peter Jax, der den Studiengang mitentwickelt hat. "Denn im Zuge der Digitalisierung brauchen wir ständig neue Technologien, die Hardware-, Software-, Algorithmen- und Kommunikationskomponenten miteinander verbinden. Unser Alltag ist heute schon voller Geräte, die auf genau dieser Kombination von digitalen und analogen Bestandteilen beruht: Smartphones, Autos, Flugzeuge oder Smart Homes. Der Bedarf wird wachsen."

Der Studiengang, der nach sechs Semestern mit dem Bachelor of Science abgeschlossen werden kann, vermittelt den Studierenden Wissen in Mathematik und Physik, der Elektro- und Informationstechnik sowie Informatik. Eine Zulassungsbegrenzung durch einen Numerus Clausus existiert nicht. Willkommen ist jeder mit einer dem Abitur vergleichbaren Hochschulzugangsberechtigung, der sich für Computertechnik interessiert und ein Faible für Mathe hat. "Denn Computer Engineering ist unter den Ingenieurwissenschaften wohl diejenige Disziplin, bei der am meisten Mathematik-Kenntnisse nötig sind", so Peter Jax. "Dadurch sind die ersten Semester des Bachelors durchaus abstrakt, es gilt zahlreiche Situationen mathematisch zu modellieren und entsprechend berechenbar zu machen." 


Damit es nicht zu trocken wird, sollen alle Studierenden von Anfang an im Curriculum integrierte Praktika und Laborarbeiten absolvieren. "Es war uns wirklich ganz wichtig, Wissen nicht nur aus Büchern und in Vorlesungen zu vermitteln, sondern auch in der Praxis. Und viele werden da sicherlich tolle Erfahrungen machen – etwa, wenn es darum geht, im Team an komplexen und aktuellen Problemstellungen zusammen zu arbeiten," so der Leiter des Instituts für Kommunikationssysteme. 


Vielfältige Chancen warten in der Zukunft

Für den neuen Studiengang werden sich aller Voraussicht nach mehr Männer als Frauen einschreiben – so wie es in vielen naturwissenschaftlichen Fächern üblich ist. Doch Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Anteil der Frauen in den Erstsemestern Elektrotechnik/ Informationstechnik wächst. Waren es 2008 noch unter zehn Prozent, ist ihr Anteil 2019 bereits auf 17,5 Prozent gestiegen. Für Peter Jax, der zehn Jahre lang bei einem französischen Konzern in Hannover gearbeitet und dort eine Forschungsgruppe zu Audiosignalübertragung geleitet hat, ist die niedrige Frauenquote in den MINT-Studienfächern ein eher deutsches Phänomen. "Schön ist, dass wir auch im deutschsprachigen Bachelor für Elektrotechnik viele Studentinnen aus aller Welt haben. Und vielleicht wird es bei Computer Engineering ähnlich sein. Frauen, die Lust darauf haben, sollten sich wirklich nicht zurückhalten, weil sie denken, sie könnten es nicht! Das stimmt sicher nicht."

In einer Welt, in der alles immer digitaler wird, haben die Absolvent:innen des Studiengangs viele Perspektiven. Sie können in der Telekommunikations- und Medientechnik arbeiten, in der Medizintechnik, im Fahrzeug- oder Maschinenbau, in der Luft- und Raumfahrttechnik sowie in Automatisierungstechnik und Robotik. Hätte Peter Jax selbst gerne Computer Engineering studiert? "Aus heutiger Sicht schon. Und im Hinblick auf das, was kommt, ist es bestimmt ganz besonders spannend."