Wer hat neben einem Vollzeitjob noch Zeit für ein Ehrenamt? Warum freiwilliges Engagement trotzdem eine gute Idee ist – und wie auch Arbeitgeber Verantwortung übernehmen.

Wir alle haben so viel zu tun, aber nur begrenzt Zeit. Jeder Tag hat 24 Stunden, und alle sind gut gefüllt: Wir wollen unsere Freundinnen und Freunde treffen, mal wieder die Eltern anrufen, uns noch mal mit dem Date von neulich treffen und endlich das Buch lesen, das schon seit Wochen vereinsamt auf dem Nachttisch liegt. Die Wohnung will gesaugt werden, die Master-Arbeit endlich geschrieben, oder, wer arbeitet, rockt 40 Stunden wöchentlich im Job. Und während wir in einer freien Minute durch Instagram scrollen, werden wir mit vielen weiteren Themen konfrontiert: soziale Ungerechtigkeit, Klimawandel, Rassismus. Einige erwischen sich dann vielleicht bei dem Gedanken: Da muss ich doch was machen können! Und stellen sich anschließend sofort die Frage: Nur wann? 

Etwa 39 Prozent der Menschen in Deutschland führen ein Ehrenamt aus, das ist eine der Erkenntnisse des Deutschen Freiwilligen Surveys 2019. Eine weitere Erkenntnis ist: Engagierte Freiwillige werden jünger. Die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen wird mit anteilig 42 Prozent nur geschlagen von der Altergruppe der 30- bis 49-Jährigen mit anteilig 44,7 Prozent. Die Studie versucht mehr über die Menschen herauszufinden, die freiwillig und gemeinschaftsbezogen Tätigkeiten ausüben, die im öffentlichen Raum stattfinden und dabei nicht zum Ziel haben, materiellen Gewinn zu erwirtschaften – so wird Ehrenamt in Deutschland definiert. 

Wir brauchen eine Nachbarschaftshilfe, die flexibel, diskret und niederschwellig ist.
Rose Volz-Schmidt

Wer an ein Ehrenamt denkt, denkt oft zuerst an die Freiwillige Feuerwehr oder Sportvereine, dabei gibt es inzwischen unzählige Projekte, bei denen ganz vielfältig ehrenamtlich ein Beitrag geleistet werden kann. Für diesen Beitrag ist die Komponente Zeit natürlich eine, aber nicht die wichtigste Voraussetzung. "Wir haben gelernt, dass Hilfe professionell ist, bürokratisch. Dabei ist Hilfe eigentlich etwas sehr flexibles", sagt Rose Volz-Schmidt. Sie ist die Gründerin der wellcome gGmbH, einem sozialen Unternehmen, das eine neue Form der Nachbarschaftshilfe etablieren will: "In Städten kennt man oft seine Nachbarn nicht, zumindest kannte ich meine kaum, nachdem ich meine Tochter bekommen habe. Ich hätte aber eine funktionierende Nachbarschaft, die sich gegenseitig unterstützt, gebraucht. Eine, die schnell mal aushelfen kann, die flexibel, diskret und niedrigschwellig ist." Rose Volz-Schmidt hat wellcome gegründet mit dem Ziel, junge Familien zu unterstützen – und um zu zeigen, dass Hilfe durchlässiger und selbstverständlicher werden soll. "Das kann ein Ehrenamt gut leisten", sagt sie.

Denn auch, wenn die Probleme und Herausforderungen unserer Gesellschaft komplexer werden, die möglichen Lösungswege oder Hilfestellungen müssen es nicht zwingend sein. Inzwischen gibt es viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, in ganz unterschiedlichen Bereichen. Dabei dürfen die eigenen Bedürfnisse eine Rolle spielen. "Engagierte können entweder ihre Expertise aus ihrem Fachbereich einbringen, oder, beispielsweise zum Ausgleich im Job, etwas komplett anderes machen", erklärt Rose Volz-Schmidt. In einem Ehrenamt können Freiwillige verschiedene Bedürfnisse vereinen. Wer den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, und mehr Zeit in der Natur verbringen will, gleichzeitig einen Beitrag leisten will und deswegen glaubt, man müsse sich für einen Wunsch entscheiden, kann sich ein Ehrenamt suchen, das beide Bedürfnisse, Ehrenamt und Natur, vereint. 

Wie finde ich ein Ehrenamt, das gut passt?

Warum es noch immer gar nicht so leicht ist, Menschen, die helfen wollen, mit denjenigen zu vernetzen, die Hilfe brauchen, weiß Dr. Sunniva Engelbrecht. "Dort, wo die Hilfe organisiert wird, fehlt es oft an Ressourcen", sagt sie. Sunniva Engelbrecht ist Mitglied im Vorstand von startsocial e.V., einer Initiative, die den gleichnamigen Wettbewerb ausrichtet: Der bundesweite Wettbewerb will ehrenamtliches, soziales Engagement unter dem Motto "Hilfe für Helfer" fördern. Dabei werden soziale Initiativen ausgezeichnet und mit vielfältigen Angeboten unterstützt. 

Sunniva Engelbrecht ist schon lange im Geschäft. Seit Mai 2009 arbeitet sie bei startsocial e.V. und weiß um die Herausforderungen für soziale Initiativen, aber auch um die Hürden für Freiwillige: "Ein wichtiges Zukunftsthema ist die Organisation von Ehrenamt. Denn wer unterstützen möchte und nur begrenzt Zeit investieren kann, der möchte möglichst unkompliziert zu einem passenden Ehrenamt finden", sagt sie. Dafür brauche es Lösungen. Denn häufig ist es gar nicht der generelle Zeitaufwand, der abschreckend wirkt, sondern die initiale Anstrengung: Wo fange ich denn an? Google ich "Ehrenamt" und hoffe, dass ich was finde? Und wenn ich dann die Initiative meiner Wahl anspreche, verpflichte ich mich damit gleich? Woher weiß ich, wie viel Zeitaufwand das Ehrenamt erfordert? Schaffe ich das überhaupt, neben meinem Vollzeitjob?

Welche Verantwortung tragen Arbeitgeber?

In Deutschland ist die 40-Stunden-Woche bei einer Vollzeitanstellung die Norm. Während dieser Stunden stellen wir einem Unternehmen unserer Wahl unsere Zeit und Energie zur Verfügung und bekommen dafür ein Gehalt. Unter der Woche ist für viele der Job die zeitintensivste Aufgabe, ein Ehrenamt passt da kaum noch rein. Und erst recht nicht die Zeit, die man braucht, um das passende Amt für sich zu finden. "Deswegen sind wir mit der Allianz Deutschland einen neuen Weg gegangen", sagt Sunniva Engelbrecht. Der startsocial e.V. hat gemeinsam mit Rose Volz-Schmidt, Gründerin der wellcome gGmbH und einem Team der Allianz Deutschland die Engagement-Plattform "Sei dabei" entwickelt.

Diese Plattform funktioniert so: Auf seidabei.com können Mitarbeitende der Allianz ein Ehrenamt finden, das gut zu ihnen passt. Sie geben die Postleitzahl an, können nach Themenfeld oder Zielgruppe filtern und finden dann schnell Angebote, in denen klar definiert ist, was die Freiwilligen an Fähigkeiten mitbringen sollten und wie viel Zeit sie für die Tätigkeit einplanen können. Es gibt Projekte mit kurzen Laufzeiten und langfristige Ausschreibungen, digitale Angebote oder vor Ort, Schreibtischjobs und solche, wo handfest angepackt werden muss – plötzlich wird ein mögliches Ehrenamt konkreter. Und damit auch zugänglicher.

Wie übernimmst du Verantwortung?

Wir brauchen eine Kultur, die freiwilliges Engagement anerkennt und fördert

"Menschen möchten Gutes tun. Und wenn sie die Möglichkeit dazu sehen, dann greifen sie zu." Das sagt Dr. Markus Nitsche. Seit knapp sieben Jahren engagiert er sich ehrenamtlich – zusätzlich zu seinem Manager-Job bei der Allianz. Inzwischen ist er neben seinem eigentlichen Job ehrenamtlich Geschäftsführer der "Stiftung Allianz für Kinder". Markus Nitsche ist davon überzeugt, dass ein Angebot wie die "Sei dabei"-Plattform in Unternehmen nur dann besonders gut funktionieren kann, wenn das Bedürfnis von den Mitarbeitenden ausgeht. "Die Plattform ist keine Marketingmaßnahme. Sie ist ein Angebot, und die Nachfrage kam von den Mitarbeitenden." Gleichzeitig weiß er auch: Es braucht eine Kultur im Unternehmen, die ehrenamtliche Tätigkeiten anerkennt und fördert. "Ohne die passende Kultur wird es schwierig, nachhaltige Strukturen zu schaffen", sagt er.

Ein Unternehmen kann es sich zur Aufgabe machen, diese Strukturen zu bieten, durch Netzwerke und Angebote. "Als Arbeitgeber erreicht man einen großen Personenkreis. Hier kann man ansetzen, Plattformen bauen und Synergien schaffen", sagt Markus Nitsche.

Woher das Bedürfnis nach einem Ehrenamt kommt, darauf hat Sunniva Engelbrecht eine klare Antwort: "Ein gut funktionierendes ehrenamtliches Engagement befriedigt zutiefst und stärkt den Zusammenhalt in der Gesellschaft." Darauf sollten auch Unternehmen reagieren und ihren Mitarbeitenden Möglichkeiten bieten, sich neben dem Job zu engagieren. "Dadurch, dass sich Unternehmen für das Engagement ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stark machen, gewinnen sie an gesellschaftspolitischer Glaubwürdigkeit und Attraktivität", sagt Sunniva Engelbrecht.

Ehrenamt gibt einem oft sofort etwas wieder. Selten sieht man so schnell die positiven Folgen der eigenen Arbeit.
Dr. Markus Nitsche

In den letzten Jahren hat das Thema Ehrenamt an Sichtbarkeit gewonnen und wird auch für Unternehmen immer relevanter. Das liegt auch am sich verändernden Arbeitsmarkt: Mit der Generation Z kommen junge Menschen in die Unternehmen, deren berufliche Hauptmotivation im sinnstiftenden Arbeiten liegt. "Ein Ehrenamt ist ein sehr nachhaltiges Mittel, um Menschen miteinander zu verbinden", sagt Markus Nitsche. 

Und die Zeit? Der Aufwand? "Am besten man fängt gar nicht erst mit einer Zeitrechnung an, denn oftmals kann man so ein Amt eh nicht in Stunden rechnen. Zeit hat man immer zu wenig", weiß Markus Nitsche. Was stattdessen wichtiger werden müsse, sei der Wille, Gutes zu tun. Und, ganz pragmatisch fügt er hinzu: "Man darf auch aufhören oder pausieren, wenn man merkt, dass die Zeit oder Energie nicht reicht." Rose Volz-Schmidt fasst es so zusammen: "Es gibt Phasen im Leben, da kann ich helfen und es gibt Phasen im Leben, da brauche ich Hilfe. Alles hat seine Zeit."