Während in Deutschland Orkane übers Land ziehen, hat in Paris der Frühling begonnen. Das lässt auch mich, den Besucher aus Deutschland, in meiner Winterstarre aufblühen. Ich bin ohnehin in Hochstimmung, denn ich darf Emmanuel Carrère treffen. Zwar hat man als Literaturkritiker Erfahrung mit Schriftsteller-Besuchen, aber in diesem Fall bin ich besonders erwartungsfroh, denn kaum einen lebenden Schriftsteller verehre ich so wie Carrère.

Das ist ein Autor, der sich sein eigenes Genre erfunden hat und sich darin als vollkommener Meister erweist. Nachdem er, 1957 in Paris geboren, in jungen Jahren ganz so, wie es sich für einen Romanschriftsteller gehört, Romane geschrieben hat, fühlte er sich ästhetisch in einer Sackgasse und fällte zwei Entscheidungen. Erstens: Abschied von der Fiktion, sich nichts mehr ausdenken. Und zweitens: Jederzeit klarmachen, wer hier spricht, also das Ich des Autors, der eine Geschichte erzählt, nicht verstecken, sondern im Gegenteil sichtbar machen. Die Frage, wer es schreibt, prägt ein Buch mehr als der Gegenstand, von dem es handelt.