Zunächst geht es eine sehr lange Rampe hinab, in den Betonkeller eines ehemaligen Krematoriums in Berlin-Wedding. Darin wurden einst Leichen vor der Verbrennung gelagert; nun findet sich hier, was nach zwei Jahren Pandemie noch übrig ist an Leben von der aktuellen Avantgarde der elektronischen Musik. In der weiten Halle liegen auf dem Betonboden kleine und große Schalltrichter verstreut, Röhren und Pfeifen wie von einer auseinandergebrochenen Orgel. Auf einem Podest dreht sich ein Mast mit Sirenen, die eigens für diesen Anlass aus China importiert wurden. Dort dienen sie zur Unterweisung der Menschen bei Massenversammlungen; hier tuten sie freundlich wie eine Schiffsbegrüßungsanlage beim Hafenkonzert. Die Pfeifen und Trichter sind mit Schläuchen verbunden, und einer der Erbauer der Installation, Phillip Sollmann, spielt auf der zerbrochenen Orgel, indem er von einem Laptop aus die Intensität der Luftströme und ihren Puls steuert. Sonst steht Sollmann am DJ-Pult von Techno-Clubs wie dem Berghain, aber dort ist das Tanzen gerade untersagt. So widmet er sich nun seiner zweiten Passion: dem Sammeln von Sirenen und dem Bau von Musikinstrumenten, die Töne jenseits der konventionellen Skalen erzeugen.