Nach drei Minuten wünscht man sich, dass dieser Film bitte nicht das ist, wonach er aussieht. In diesen ersten Szenen von The Unforgivable packt eine Gefängnisinsassin ihre Habseligkeiten zusammen, deutet eine unscharf verfremdete Rückblende einen Suizid, dann eine weitere Rückblende ein Gewaltverbrechen an, während sich ein Autounfall ereignet und auf der Tonspur Geigenklänge und Soundeffekte Spannung suggerieren. Es scheint, als müsse Nora Fingscheidts Film mit Pauken und Trompeten vorwegnehmen, was er in den kommenden zwei Stunden erzählen wird.

In der Netflix-Produktion, die vorab ins Kino kommt, spielt Sandra Bullock eine Frau, die wegen eines Polizistenmordes 20 Jahre im Gefängnis saß und nun vorzeitig entlassen wird. Ihr Bewährungshelfer erklärt ihr die Auflagen: keine Drogen, keinen Alkohol, keinen Kontakt zu anderen Vorbestraften. In einem Frauenwohnheim bezieht Ruth ein Quartier, in einem Vierbettzimmer, zwischen Diebinnen und Drogenabhängigen. Obwohl sie gelernte Schreinerin ist, findet sie als Polizistenmörderin keinen Job. Was bleibt, ist Akkordarbeit in einer Fischfabrik am Stadtrand von Seattle.

Vor drei Jahren erzählte Nora Fingscheidt in ihrem weltweit erfolgreichen Film Systemsprenger von der Odyssee der neunjährigen Benni (Helena Zengel). Wegen seiner unkontrollierten Wutausbrüche wird das Mädchen hin und her geschoben zwischen Pflegefamilien, Heimen, einer überforderten Mutter und einem Antiaggressionstherapeuten. In Systemsprenger beeindruckte Fingscheidts genauer Blick auf Menschen und Milieus, auf den Kampf "der Gesellschaft" um das Außenseiterkind. Es war berührend zu sehen, wie sich Sozialarbeiterinnen, Therapeuten, Pflegemütter – vergeblich – um Bennis Schicksal bemühten.

Man ahnt, was die Regisseurin an einer Figur wie Ruth Slater in The Unforgivable interessiert haben mag. Auch Slater ist ein Outcast. Das rigide US-amerikanische Bewährungssystem lässt dieser Ausgestoßenen letztlich keine Chance, in die Gesellschaft zurückzukehren. In Systemsprenger verkörpert Helena Zengel eine existenzielle Fremdheit und die Einsamkeit des nach Liebe gierenden Kindes, während Sandra Bullock (die irgendwie gar nicht mehr aussieht wie Sandra Bullock) ein Fremdkörper in der Welt bleibt, von der The Unforgivable erzählen will. Die Regie weiß schlichtweg nichts mit ihr anzufangen, außer sie in einen billigen Parka zu kleiden und mit zusammengezogenen Schultern und starrem Blick durchs Bild laufen zu lassen.

The Unforgivable wirkt, als habe Nora Fingscheidt versucht, aus dem Baukasten des amerikanischen Kinos einen eigenen Film zusammenzusetzen. Es gibt die kämpferische Heldin auf der Suche nach der kleinen Schwester. Da ist das brave Suburbia-Amerika in Gestalt der Adoptiveltern. Der zunächst zögerliche, dann engagierte Anwalt. Die im Pulk von der Fabrik zur Bushaltestelle trabende working class. Der Bösewicht, der auch wie ein Bösewicht aussieht – mit hassverzerrtem Gesicht stellt der Sohn des erschossenen Polizisten Ruth Slater nach. Es gibt eine Entführung. Und auch eine Waffe kommt zum Einsatz.

Man möchte Dialoge streichen, die alles noch mal erzählen, eine dramaturgische Fastenkur verordnen, ein Schnittkommando rufen. Aber der Wurm ist drin. Denn The Unforgivable ist leider tatsächlich genau das, wonach die ersten drei Minuten aussehen.

"The Unforgivable" läuft von 25. November an in deutschen Kinos und ist von 10. Dezember an auf Netflix abrufbar.