In einem Museum der ökonomischen Luftnummern wären das hier die Höhepunkte: die Cargolifter-Halle in Brandenburg, von der nie ein Lastenzeppelin abhob. Die blühenden Landschaften Ostdeutschlands. Die letzte testierte Bilanz von Wirecard. Der Ehrenplatz bliebe allerdings der Telekom-Aktie und den versteinerten Mienen ihrer Besitzer vorbehalten. Nie haben so viele Menschen so schnell ihr Geld verloren wie vor 21 Jahren, als die Deutsche Telekom das Märchen von der "Volksaktie" verbreitete.

Immerhin: Nun gibt es Hoffnung für die 16.000 T-Aktionäre, die den Großkonzern auf Schadensersatz verklagt hatten. Nach unfassbaren zwei Jahrzehnten voller Prozesse bietet ihnen die Telekom einen Vergleich an. Das markiert das Ende einer peinlichen Geschichte, die zeigt, dass es in Deutschland damals keine echte Aktienkultur gegeben hat – und heute immer noch nicht gibt.

Einen Teil der Schuld trägt die Telekom. Was hatte sie ihre Aktien kurz nach der Jahrtausendwende angepriesen. Tatort-Kommissar Manfred Krug im Werbefernsehen: "Die Telekom geht an die Börse – und ich geh mit!" Wer sich anschloss und die Aktien für je 66,50 Euro kaufte, sah sein Geld nie wieder. Heute steht der Kurs bei 17 Euro.

Nicht nur das war für die Telekom peinlich. Sondern auch, dass Manfred Krug sich später öffentlich für den Unsinn entschuldigte, den er als Werbemodell von sich gegeben hatte. Dem ehemaligen Staatskonzern hatte zudem erst sein solides Image die Möglichkeit verschafft, seine Papiere als eine Art modernes Sparbuch zu vermarkten. Das sind Aktien aber nicht. Sie werden es auch nie sein.

Nun bietet die Telekom an, ihren Anteilseignern die Differenz zwischen Kaufpreis und jetzigem Kurs zu erstatten, abzüglich der zwischenzeitlich gezahlten Dividenden. Der Vorsitzende Richter riet den Klägern, das Angebot anzunehmen. Auch einer der wichtigsten Klägeranwälte empfahl es seinen Mandanten. Es wird also wohl so kommen.

Dabei sind viele der Aktionäre nicht weniger verantwortlich für das T-Drama als das Unternehmen selbst. Im Prozess beriefen sie sich unter anderem darauf, der Börsenprospekt der Telekom habe falsche Angaben zu einer ausländischen Tochtergesellschaft enthalten. Das war ja auch so, wie der Bundesgerichtshof in einem der vielen Verfahren zwischenzeitlich feststellte. Aber mal ehrlich: Für wie viele Kleinanleger war das wohl tatsächlich ausschlaggebend für den Kauf der T-Aktie?

Wichtiger dürfte für die meisten das Werbedauerfeuer der Telekom und die Aussicht auf schnellen Reichtum gewesen sein. Die Zeit war damals so, Deutschland steckte mitten in der Dotcom-Bubble, im irrationalen Überschwang einer nur vermeintlichen Aktienkultur. Cash burn-Raten waren wichtiger als klassische betriebswirtschaftliche Kennziffern, Buchwert-Millionär wurde man fast von selbst. Doch "Finanzgenie ist man nur bis zum Bankrott", wie der US-Ökonom John Kenneth Galbraith oft gesagt hat. Und am Ende braucht es eben einen Schuldigen.

Nicht mal beim Aufräumen beweist Deutschland das Format, das einer Aktienkultur würdig wäre. Wenn viele Menschen Aktien besitzen sollen, muss man auch große Konflikte standardisiert bearbeiten können. Damit ist die Justiz überfordert, was die surreal lange Prozessdauer eindrucksvoll beweist. Was bringt ein Gerichtsverfahren, dessen Ausgang nur die Kinder oder Enkel erleben?

Zur Aktienkultur gehört auch eine Kultur der effizienten Konfliktlösung. Gerade jetzt gäbe es die Chance, daran zu arbeiten. Gut zwölf Millionen Deutsche sind am Aktienmarkt aktiv, allein 600.000 junge Menschen unter 30 haben vergangenes Jahr die Börse für sich entdeckt. Digitale Broker machen es einfach und günstig, vom Smartphone aus mit Wertpapieren zu handeln.

Sind sie vernünftiger als die T-Fanboys damals? Hoffen wir es. Die Aktienmärkte liefen zuletzt ganz gut. Aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Und immer wird es jemand geben, der das Blaue vom Himmel verspricht und doch nur rote Zahlen liefert. Spätestens dann wird man wie damals fragen: War es Betrug? Schlamperei? Oder sind die Geschädigten nur ihrer eigenen Gier erlegen? Antworten auf solche Fragen zu geben gehört zur Aktienkultur dazu. Aber bitte nicht erst nach zwanzig Jahren.