Da ist das Blaulicht, da sind die gelben Westen und die roten ver.di-Fahnen – kennt man alles vom Lokführerstreik. Aber was Passanten in der Bonner Innenstadt beim Anblick des Demonstrationszugs von Krankenpflegerinnen und -pflegern aus dem Uni-Klinikum Bonn (UKB) dieser Tage die Sprache verschlägt, sind Momente wie dieser: Amina Mokhtar, 27, Schwester in der Notaufnahme, greift sich am Donnerstag spontan am Hauptbahnhof das Megafon und lässt einfach alles aus sich heraussprudeln. "Ich habe einen 90-Jährigen, den ich 120 Minuten lang zu zweit reanimieren soll, und einen 24-jährigen Motorradfahrer mit Milzriss, der innerlich verblutet und im Schockraum liegt. Ein Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl herein, die keine Luft mehr kriegt. Auf dem Flur liegt eine andere Patientin auf der Trage, der ich das Hemd aufreißen soll, sodass sie mit nackten Brüsten daliegt, um schnell ein EKG zu schreiben. Wir fassen Patienten an den intimsten Stellen an, sind in den schwersten Momenten ihres Lebens bei ihnen, wenn gerade ihr Kind gestorben ist – und haben keine Zeit! Ich will nicht dauernd gezwungen sein, diese grauenhaften Entscheidungen zu treffen. Für mich verstößt das gegen Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Kolleginnen, die mit im Zug laufen, gehen zu Amina und bedanken sich, eine hat Tränen in den Augen. Die Klinikleitung ist am nächsten Morgen nicht amüsiert: was sie denn da alles erzählt habe? Ob sie das künftig bitte abstimmen könne? Aber die Krankenschwester, die schon als Kind sicher war: "Ich werde Prinzessin oder Ärztin", die sich auf zwei Jahre freiwillig bei der Bundeswehr verpflichtet hat und die nirgendwo anders hinwollte als zu ebendieser Notaufnahme auf dem Bonner Venusberg, sagt mit flammender Überzeugung: "Ich stehe voll hinter dem UKB. Ich bin nur gegen das System."

Streik gegen "das System", ausgerechnet jetzt? Intensivstationen am Limit, Triage, Zusammenbruch – kein Fernsehabend vergeht, an dem nicht über den Kollaps des Gesundheitswesens gesprochen wird. Und dann verkündet ver.di den Ausstand, und Hunderte Pfleger und Schwestern folgen? Nicht in Massen, aber doch unübersehbar. In Jena, an der Berliner Charité oder eben in Bonn und vielen anderen Uni-Kliniken wird gestreikt. Von Dienstag bis inklusive Donnerstag vergangener Woche dauerte die erste Streikwelle, die zweite soll an diesem Donnerstag und Freitag folgen. Denn am Wochenende finden die Verhandlungen mit der Tarifgemeinschaft der Länder statt.

"Keine! Profite! Mit meiner Gesundheit!", skandieren sie auf dem Marsch durch die Bonner Innenstadt. Das "System" ist hier das Diktat der Wirtschaftlichkeit, dem sich das Gesundheitssystem unterworfen habe. Manche Passanten sind fassungslos. "Habt ihr sie noch alle, ihr Kommunisten?", ruft einer. "Geht doch zurück nach Tannenbusch!" Tannenbusch heißt eines der Bonner "Problemviertel".

Die Berufsgruppe, in der das stille Dulden und Helfen so lange zur inneren Uniform gehörte, macht nicht mehr mit. In den Talkshows schildern Schwestern und Pfleger ihren Alltag in drastischen, düsteren Worten. Aber streiken als Pflegekraft – wie geht das? Lassen die ihre Patienten im Stich, jetzt, wo überall Alarmstufe Rot ist? Und wer ist eigentlich der Feind? Was wäre ein Erfolg?

Geschickt stach Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Universitätsklinika, in einem ersten Zeitungskommentar zum Ausstand direkt ins Problemfeld: Der ver.di-Streik für "mehr Geld aus der Gießkanne" zeige "weder Weitsicht für die Pflege noch Nächstenliebe für die Patienten". Ver.di solle sich in die Lage derer versetzen, die sich "jeden Tag auf den Intensivstationen aufopfern und mitansehen müssen, wie ihre Patienten sterben". Nächstenliebe gegen Materialismus, Intensivpfleger gegen Normalos, Aufwertung des Berufs versus schnelle Abfindung mit den monatlich 300 Euro mehr, die ver.di fordert – hier weiß jemand genau, wo er ansetzen muss, um das schlechte Gewissen einer Pflegekraft zu wecken.

"Das mit der Nächstenliebe ist eine Frechheit"

Solche Bemerkungen sind für Jakob Lehnert und seine Mitstreiter auf der Bonner Demo eine Provokation. "Das mit der Nächstenliebe ist eine Frechheit", schnaubt er. "Es ist ja gerade im Namen der Patienten, die wir oft nicht mehr richtig versorgen können, dass wir hier stehen!" Lehnert, 27, ist OTA: Operationstechnischer Assistent, mit jahrelanger Erfahrung. Ein flinker, freundlicher und zäher Typ mit einem Faible für seine Patienten – und für die Sägen, Bohrmaschinen und Klemmen, mit denen man in seinem Job hantieren muss. Sein dramatischster beruflicher Augenblick: ein junger Mann, dem ein Straßenschild im Bein steckte. Weil die Chirurgen die Hände voll hatten, musste Lehnert die Bohrmaschine führen – es gelang, der Patient überlebte und konnte sogar sein Bein behalten. Aber vor zwei Jahren hat Lehnert schon mal gedacht, er müsse den Beruf, den er so liebt, aufgeben. "Was können wir tun, Herr Lehnert", hat der Chefarzt ihn gefragt, "damit Sie uns nicht verlassen?" Da ist er geblieben.