Wer es in der Wissenschaft weit bringen will, muss publizieren. Am besten in einer der großen Wissenschaftszeitschriften wie Nature oder Science. Möchte man die Leistung zweier Forscher vergleichen, schaut man sich ihren h-Index an: eine Zahl, die sich daraus berechnet, wie viele Veröffentlichungen jemand hat und wie oft andere aus den Arbeiten zitieren. Insofern könnte man es als wissenschaftliches Wagnis bezeichnen, was Paul Ginsparg am 14. August 1991 tat. Oder als den größten Dienst, den der Physiker der Wissenschaft erweisen konnte.

Es war der Tag, an dem Ginsparg, damals ein vielversprechender Nachwuchsforscher, eine zentrale Speicherplattform auf seinem Computer einrichtete. Die Idee: Fachkollegen aus Ginspargs Spezialgebiet, der Theoretischen Teilchenphysik, sollten schnell und unkompliziert ihre Forschungsergebnisse untereinander austauschen können – und zwar noch bevor die Studie in einem Fachjournal abgedruckt worden war. Zuvor hatten sich die Wissenschaftler die Manuskripte aufwendig hin und her gemailt. Mit arXiv.org schuf Ginsparg den ersten Preprint-Server für die Wissenschaft.

Für seine Pionierarbeit erhält Paul Ginsparg in dieser Woche den "Einstein Award for Promoting Quality in Research", den erstmals verliehenen Preis zur Steigerung der Forschungsqualität. Ginsparg habe entscheidend dazu beigetragen, den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess transparenter und nachvollziehbarer zu machen, heißt es in der Begründung der Jury. Dass neueste Forschungsdaten leichter und schneller zugänglich sind, habe in der Corona-Pandemie möglicherweise Leben gerettet.

Im Videogespräch sucht dieser Mann nun den Knopf, um die Kamera einzuschalten. "Ah, jetzt sehe ich Sie", sagt er. Der Physiker sitzt in seinem Büro an der Cornell University im US-Bundesstaat New York. Im Hintergrund türmen sich unausgepackte Kisten. Ist er gerade umgezogen? "Nein, das ist etwas peinlich. Die Kisten folgen mir seit den späten Siebzigerjahren von Büro zu Büro. Darin sind Unterlagen aus meinem Studium", sagt er und fährt sich verlegen durch seinen struppigen Bart. "Ich möchte die Notizen nicht wegwerfen, ohne zu schauen, ob etwas Interessantes für die Forschung dabei ist. Bislang bin ich nicht dazu gekommen. Die Aufgabe wird wohl eines Tages meinen Kindern zufallen."

Und heute? Heute schaut der 66-jährige Ginsparg auf einige beeindruckende Zahlen, die ihm zeigen, wie groß die Idee geworden ist, die er damals hatte. Beinahe zwei Millionen Arbeiten von mehr als vier Millionen registrierten Nutzern aus allen Bereichen der Physik, Mathematik und Informatik umfasst der Server aktuell. 300.000-mal greifen Forscher und Forscherinnen pro Stunde weltweit darauf zu. Weder die Leser noch die Autoren zahlen dafür Geld. Manuskripte werden von der Forschergemeinschaft diskutiert, lange bevor sie das klassische Begutachtungsverfahren der großen Wissenschaftsverlage durchlaufen. Zudem können die Forscher auf der Plattform ihre Rohdaten der Fachcommunity zur Verfügung stellen. Viele Experimente werden dadurch verständlicher und sind leichter zu wiederholen.

Mittlerweile hat arXiv zahlreiche Ableger in anderen Disziplinen, wie etwa medRxiv in der Medizin. In der Corona-Pandemie ist der Umfang dieses Servers explosionsartig gewachsen – von 166 eingereichten Beiträgen im Dezember 2019 auf 2082 Publikationen im Mai 2020. Die Artikeldownloads sind von 30.000 auf fast fünf Millionen pro Monat gestiegen. Weil nun auch Journalisten und Gesundheitspolitiker auf die Vorab-Ergebnisse zugreifen, wurden Preprints in der Pandemie weit über die Forschergemeinde hinaus ein Begriff.