Aretha, das Wunderkind: Der Vater, Reverend Franklin, holt sie aus dem Bett, "Komm, Re, sing unseren Freunden etwas vor". Die Kamera folgt dem Mädchen, wie es staunend zwischen den Partygästen hindurch zum Klavier geht. Es ist ein Get-together der wohlhabenden schwarzen Middle Class, von Kirchenleuten und Künstlern. Dinah Washington ist da, Sam Cooke und James Cleveland, der König des modernen Gospel. Dann singt "Re", und aus dem schüchternen Kind wird – nein, noch nicht die "Queen of Soul", aber eine Anwärterin auf den Thron.

1972 erinnert sich ihr Vater an diesen Moment, mit dem die Regisseurin Liesl Tommy ihre Kinobiografie Respect eröffnet. Wir hören seine Stimme auf der C-Seite von Aretha Franklins erschütternd schöner Gospel-LP Amazing Grace. Er habe noch vor Augen, wie sie damals sang – und wie sie Gott pries im Kirchenchor, die kleine Re, sein Geschöpf. Dann ruft er: "Und wenn ihr die Wahrheit wissen wollt: Sie hat die Kirche niemals verlassen!"

Der Film endet mit den Aufnahmen zu diesem Album, ihrem erfolgreichsten überhaupt, und schließt damit einen Kreis in Aretha Franklins Leben. Am Anfang hat sie einen Auftritt in der Welt ihres Vaters (so autoritär wie verletzlich: Forest Whitaker), am Ende ist ihr Vater der Gast. Die Kirche hat sie auf dem Weg dazwischen tatsächlich nie verlassen; der Gospel blieb ihr zeitlebens in der Stimme.

Respect schildert die Jahre von Franklins Emanzipation als Seelendrama, wofür ihre Biografie alle Zutaten bereithält: Der dominante Vater, der frühe Tod der Mutter, Schwangerschaften mit zwölf und 14 Jahren, die spannungsreiche Beziehung zu ihren Schwestern Erma und Carolyn, die künstlerische Selbstsuche vor dem Hintergrund des afroamerikanischen Freiheitskampfes – all das zeichnet der Film mit den Mitteln des Hollywoodkinos und großer Detailliebe nach. Erzählt er auch die "Wahrheit" über Aretha Franklin?

Jedes Biopic bleibt eine Fiktion, eine Wahrheitssuche bestenfalls. Was den Film Respect auszeichnet, ist, dass er diese Wahrheit nicht allein in der Psychologie vermutet, sondern in der Musik, im Soul.

Ohne Jennifer Hudson, die Aretha Franklin nicht nur spielt, sondern sich singend in sie verwandelt, hätte das kaum gelingen können. Fast fühlt man sich betrogen durch diese atemraubende vokale Mimikry, denn die echte Aretha ist in den zweieinhalb Stunden von Respect kaum zu hören. Doch der Film will nicht einfach als Playback inszenieren, was sich jederzeit nachhören lässt. Er will, statt die vollendeten Aufnahmen zu feiern, das Werden dieser Musik begreifen.

Bemerkenswert ist da nicht nur Hudsons Performance, sondern auch, wie viel Zeit sich die Regisseurin nimmt, um Franklins Kunst die Bühne zu bereiten. Von Anfang an ist die Musik die Hauptfigur des Films. In der Kirche entfesselt sie einen Energiestrom, der die Gemeinde erfasst, als sei das Gotteshaus ein Kraftwerk. Sie ist ein Mittel der Verständigung, wenn die kleine Re ihrer Mutter am Klavier etwas aus ihrem Alltag vorsingt. Und sie wird – Respect – zur politischen Waffe.

Wie aber fasst man die Aura einer Stimme in Bilder? Die broadwayerfahrene Liesl Tommy weiß, wie man Showchoreografien in Szene setzt. Umso schöner, dass sie es nicht dabei belässt. Immer wieder zeigt sie die Gesichter der Sängerin, der Musiker und des Publikums, denn in den Regungen der Mimik wird sichtbar, was sonst nur zu hören ist: Freude, Schmerz, Ergriffenheit – und die Bereitschaft, mit erhobener Faust auf die Straße zu gehen. Es ist berauschend, das hörend mit anzusehen. Und es ist erhellend. Denn so führt der Film vor Augen, dass Aretha Franklin zwar die Inspiration traf wie ein Götterfunke, ihr Werk aber kein unerklärliches Wunder ist: Musik ist eine soziale Kunst. Um aus ihrer Stimme wirklich Bewegendes zu schöpfen, musste sie erst herausfinden, was sie ausdrücken wollte. Und dafür brauchte sie Menschen, die den Rahmen schufen, in dem sie sich entfalten konnte.

Respect verdichtet diese Suche zu einer hinreißenden Sequenz. Sie beginnt in den mondänen Columbia-Studios in New York, wo der Produzent John Hammond versucht, aus Aretha Franklin eine zweite Billie Holiday zu machen. Sie endet in den Fame-Studios in Muscle Shoals, Alabama, wo sie den Titelsong ihrer ersten LP auf Atlantic Records einspielt: Die Musiker sind junge Kerle, alle weiß, Musiknerds wie Labelchef Jerry Wexler (ungehobelt und feinsinnig: Marc Maron). Aber sie haben den Groove, improvisieren mit der Königin, probieren es so, dann wieder so. Man hört und sieht, wie es irgendwann funkt: I Never Loved a Man (the Way I Love You). Das ließ sich nur mit einer Sängerin drehen; aus dem Archiv wäre das nicht zu bestreiten gewesen.

Aretha Franklin, die im August 2018 im Alter von 76 Jahren gestorben ist, hat Jennifer Hudson selbst dazu auserkoren, sie auf der Leinwand zu verkörpern. Offenbar erkannte sie sich in der 39 Jahre jüngeren Musikerin wieder. Und tatsächlich kommt Hudson ihr stimmlich enorm nahe – besonders, und mit erstaunlicher Anmut, in der Darbietung von Amazing Grace. Ob sie Aretha Franklin auch mit ihrem Schauspiel gerecht wird, muss ein Geheimnis bleiben. Aber vielleicht ist das gar nicht so wichtig: "Lass nichts zwischen dich und deine Musik kommen", mahnt in einer Szene James Cleveland, Franklins musikalischer Lehrer. Wie gut, dass auch die Macher von Respect diesen Rat beherzigt haben.

"Respect" läuft vom 25. November an in deutschen Kinos.