Mit den dunklen Abenden kehrt der Rilke-Vers in das Empfinden zurück, wer jetzt allein sei, werde es lange bleiben. Ein Vers über die Erfahrung der Pandemie: Die Einsamkeit, die in der pandemischen Zeit erheblich an Bedeutung gewonnen hat, fühlt sich an wie ein langes Exil aus dem Land der lebensspendenden und lebensfördernden Kräfte, in dem wir sonst unser Dasein verbringen. Doch was genau unterscheidet die Einsamkeit vom Alleinsein?

Wie Einsamkeit subjektiv erlebt wird, hängt mit der Kultur und dem Lebensabschnitt eines Menschen zusammen. Ich würde beispielsweise behaupten, dass die Erfahrung der Einsamkeit für einen Inder oder eine Inderin im Allgemeinen schmerzhafter ist und stärker in der Psyche nachhallt, als dies im Westen der Fall zu sein pflegt. In der hinduistisch-indischen Mythologie wird die Angst vor der Einsamkeit auf den Schöpfer selbst projiziert: In einem der Mythen heißt es, dass die Schöpfung begann, weil Purusha, die Seele des Universums, allein war und "daher kein Glück empfand". Der Gott Shiva, der Erzasket und Inbegriff einsamer Selbstgenügsamkeit, wird paradoxerweise oft in so enger Umarmung mit Shakti, der Mutter des Universums, dargestellt, dass sie für die Dauer eines Weltalters unzertrennlich sind.