Die irische Autorin Sally Rooney ist mit Romanen über die Liebes- und Beziehungsnöte ihrer Generation sehr schnell zu Weltruhm gelangt. Obwohl die drei Bücher der inzwischen 30-jährigen Autorin vor allem davon handeln, wer mit wem schläft und wie sich das Liebesleben der Generation Woke mit der jeweiligen Schulhof- oder Campus-Hackordnung vereinbaren lässt, konnte man sie auch immer politisch lesen – als eine einfühlsame Psychopathologie des Paarungsverhaltens im 21. Jahrhundert. Rooney, sagen die Millennials, reflektiere einfach "voll gut" die sozialen Verhältnisse, in die eingeklemmt man vor sich hin lebe und liebe. Niemand sonst sei gegenwärtig in der Lage, Leben und Geld, Liebe und Politik so hellwach miteinander zu verschalten.

Kein Wunder, dass auch ihr jüngster, im September zeitgleich in den USA, in Irland, Großbritannien und Deutschland erschienener Roman Schöne Welt, wo bist du sofort die Bestsellerlisten erklomm und demnächst so wie ihre zwei anderen Romane sogar im Iran, in China und Russland erscheinen wird.

Aber nicht in Israel. Das hat die der Bewegung BDS ("Boycott, Divestment and Sanctions") nahestehende Autorin am vergangenen Dienstag bekannt gegeben. Sie werde, teilte sie mit, ihren neuen Roman auf Hebräisch übersetzen lassen, sobald sie einen Weg finde, "der im Einklang mit den Boykott-Richtlinien des BDS steht." Der israelische Verlag Modan, der die Übersetzungsrechte für ihre zwei vorhergehenden Romane erworben hatte, erfülle diese Richtlinien nicht, da er die von den Vereinten Nationen festgelegten Rechte der Palästinenser nicht unterstütze. Schon im Juli hatte Rooney einen Aufruf palästinensischer Künstler unterzeichnet, der ein Ende der Unterstützung Israels forderte und verlangte, den "palästinensischen Entkolonialisierungskampf nach besten Kräften zu unterstützen".

Das ist der erste große literarische Israel-Boykott, der international hohe Wellen schlägt. Und zum ersten Mal in der langen Geschichte des Verbots von Büchern sind es nicht Diktatoren und Fanatiker, die das Lesen verhindern wollen, sondern ist es die Autorin selbst, die die Veröffentlichung ihres eigenen Buches untersagt. Und das, obwohl die politisch so empfindsame Autorin ihre Übersetzungsrechte in das Land der Ajatollahs und Dissidentenmörder veräußert, aber nicht in das Land der Holocaustopfer und ihrer Nachfahren.

Sally Rooneys Sympathien mit der BDS-Bewegung, die Israel politisch, wirtschaftlich und kulturell isolieren will, um ihre Ziele durchzusetzen, haben sie zu einer Entscheidung veranlasst, die viele ihrer Leser und Leserinnen nicht mehr nachvollziehen können – und die womöglich auch Auftritte in der Bundesrepublik unmöglich macht. Denn der Deutsche Bundestag stuft die Organisation als antisemitisch ein und hat vor zwei Jahren beschlossen, dass keine Bundesmittel in Kulturprojekte fließen dürfen, die mit BDS verbunden sind. Literatur, die dazu da ist, Menschen zu verbinden, wird im scheinmoralischen Kulturkampf zur Waffe, die keinerlei erkennbaren Nutzen hat. Das Nachsehen haben die israelischen Leser und Leserinnen.