Es ist eigentlich egal, wie man die Inflation findet: Beunruhigend oder logisch, katastrophal oder notwendig. Sie existiert eben, mit Preissteigerungen um die vier Prozent. Die Dinge werden teurer, manche allein schon wegen des CO₂-Preises. Gleichzeitig wird die Grundsicherung erhöht, auch bekannt als Hartz IV. Ab Januar 2022 steigt sie um drei Euro beziehungsweise 0,76 Prozent. Alleinstehende Erwachsene bekommen dann 449 statt 446 Euro, Kinder statt 309 ganze 311 Euro monatlich. Auch mit miesen Kopfrechenfähigkeiten kann man sich herleiten, dass diese Erhöhung der Inflationsrate nicht gerecht wird – die wird allein in diesem Jahr bei voraussichtlich fünf Prozent liegen. Das ist entlarvend, denn es zeigt, dass Hartz IV mit Absicherung in der realen Welt wenig zu tun hat.

Aber die Grundsicherung ist doch bereits höher als woanders!, könnte man jetzt einwenden. Ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts fließt in Sozialausgaben. Es ist jedoch komplizierter. Zu diesem Drittel zählen auch Steuererleichterungen für Familien, das Kindergeld und Zuschüsse zu sämtlichen Versicherungen, etwa zur Rentenversicherung. Schaut man sich an, wie viel Geld ein alleinstehender Grundsicherungsempfänger im Verhältnis zum mittleren Einkommen des jeweiligen Landes erhält, liegt Deutschland im Vergleich aller 38 OECD-Länder auf Platz 15, hinter Dänemark und Italien.

Die Kosten der Arbeitslosigkeit allein lagen 2019 bei 51,3 Milliarden Euro, was nur 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind. In diesem Betrag ist allerdings nicht nur das enthalten, was tatsächlich bei den Menschen ankommt: Kosten für Wohnung, Versorgung, Versicherungen. Fast die Hälfte dieser 51,3 Milliarden sind sogenannte "Mindereinnahmen" – also theoretisches Geld, das der Staat als Steuern hätte einnehmen können. Diese Mindereinnahmen werden anhand eines durchschnittlichen Einkommens errechnet, das die Arbeitslosen hätten erarbeiten können, hätten sie einen Job gehabt. Das Geld ist also nicht weg, es war nur nie da.

Eine Erhebung der OECD kommt zu dem Schluss, dass 2017 nur 0,86 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts tatsächlich für Arbeitslose ausgegeben wurden. Zum Vergleich: In Österreich war es etwa ein Prozent, in Frankreich 1,5. Da die Grundsicherung in Deutschland nicht nur an Arbeitslose ausgezahlt wird, sondern auch an Rentnerinnen und Kranke, die kaum noch erwerbsfähig sind, gibt es viele Menschen, die über lange Zeit und alternativlos nichts als die Grundsicherung beziehen. Das heißt: Sie können nichts zurücklegen, weil sie jeden Euro ausgeben. Wenn ihre Waschmaschine kaputtgeht oder der Kleiderschrank auseinanderfällt, dann haben sie diese Dinge nicht mehr. Ein Drittel aller Grundsicherungsempfänger war in den vergangenen fünf Jahren durchgehend darauf angewiesen.

Natürlich könnte man jetzt moralisch weiterargumentieren. Kein Mensch sollte arm sein in einem reichen Land, alle Kinder die gleichen Chancen… Aber die Höhe der Grundsicherung ist keine moralische Frage mehr, sondern eine Frage von Kosten und Nutzen. Die Grundannahme bei der Einführung von Hartz IV war, dass finanzielle Not als Druckmittel genutzt werden kann, damit Menschen arbeiten gehen. Deshalb sind die Zahlungen vergleichsweise gering im Verhältnis zum verfügbaren Medianeinkommen in Deutschland (also dem Geld, das Arbeitenden bleibt, wenn sie Steuern und Versicherungen bezahlt haben), und deshalb gibt es Sanktionen; die Leistungen können gekürzt werden, wenn jemand nicht zu Terminen erscheint.

Es kostet allerdings auch eine Menge Geld, wenn Menschen in finanzieller Not leben. Armut erzeugt Stress, und Stress macht krank, auf allen Ebenen. Der Staat bezahlt früher oder später Sozialarbeiter, Förderunterricht für die Kinder von Arbeitslosen, Krankenkassen bezahlen Therapeuten, Ärzte, Medikamente gegen Depressionen und ADHS. Armut erzeugt also im schlimmsten Fall Erwerbsunfähigkeit. Und damit noch mehr Armut. Hinzu kommt ein Verwaltungsapparat, der mit immer mehr Formularen und Kontrollvorgängen seine eigene Existenzberechtigung aufrechterhält.

Durch die Not von Familien verliert die Volkswirtschaft Humankapital, das eigentlich dringend gebraucht würde. Armut sorgt dafür, dass Erwachsene aus der Welt fallen, krank werden und dass Kinder im Bildungssystem trotz Förderung erfolglos bleiben. Kleine Anpassungen wie die Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse können helfen. Aber zuerst müsste es darum gehen, dass Menschen genug Geld haben, um sinnvolle, eigenverantwortliche Lebensentscheidungen zu treffen. Das ist, was viele Betroffene beschreiben: Die Überwachung, die Gängelung des Hartz-IV-Systems sei genauso schlimm wie die finanzielle Not.

In den Koalitionsverhandlungen könnte es vor allem ein liberales Projekt sein, die Grundsicherung, so wie sie ist, infrage zu stellen: Auch wegen all der teuren Bürokratie, die das System beinhaltet. Da werden schon mal drei, vier Briefe geschrieben, um von einem Hartz-IV-Empfänger drei Euro zurückzufordern. Apropos: Auch das Briefporto wird 2022 teurer, ein Standardbrief kostet dann 85 statt 80 Cent. Eine Erhöhung um 6 Prozent.