Noch stehen auf der Straße vor dem Berliner Konrad-Adenauer-Haus am Montagvormittag die gepanzerten Limousinen und die Kameras dicht an dicht. Im Vorbeigehen murmelt ein Mitglied des CDU-Bundesvorstands: "Klar, noch fährt man mit dem Dienstwagen durch die Stadt, noch ist man wichtig. Frage mich, wie vielen bei uns klar ist, dass es damit bald vorbei sein könnte. Dass es mal einfach nicht mehr so drauf ankommt, was los ist bei der CDU."

Sich gegen die Erosion der Macht stemmen und gleichzeitig einen zauberhaften Neuanfang ins Werk setzen: Diese politische Paradoxie müssen sie nun irgendwie zusammen hinbekommen. Schon jetzt ist klar: Das gesamte Establishment der CDU wird auf dem nächsten Parteitag zum Jahreswechsel zurücktreten – ob mit mehr oder weniger Beteiligung von Mitgliedern, das entscheiden die 330 Kreisvorsitzenden am 30. Oktober. Genauso klar ist aber auch: Ein Großteil von ihnen wird noch am selben Tag erneut zur Wahl antreten. Moderieren will den Prozess ausgerechnet der Mann, dem so ziemlich alle in der Union, zumal die in Bayern, die Schuld am historischen Schlamassel vom 26. September geben: der Noch-Bundesvorsitzende und Noch-Ministerpräsident Armin Laschet.

Die CDU droht nun in einer Wiederholungsschleife stecken zu bleiben, aus der es seit 2018 kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Damals gab Angela Merkel den Parteivorsitz auf. Seither heißt es: "Erneuerung!" – "Friedrich Merz!" – "Oder lieber doch nicht!"

Die angesagte Revolution von rechts – Tilman Kuban, der Chef der Jungen Union (JU), hatte gefordert, es dürfe nun "kein Stein mehr auf dem anderen bleiben" – bleibt einstweilen aus. Stattdessen wird man sich in beflissener Betriebsamkeit erneut dem Prozedere widmen und die Frage vergessen, die eigentlich allen quer über die Stirn geschrieben steht: Wofür braucht Deutschland im Jahr 2021 noch die CDU?

Parteitag - CDU will Parteiführung neu wählen Nach der Niederlage bei der Bundestagswahl will sich die CDU personell erneuern. Auf einem Parteitag sollen Vorsitzender, Präsidium und Bundesvorstand neu gewählt werden. © Foto: Pool/Getty Images

Dass Laschet einmal mehr Prokura bekommt und an diesem Montag nicht davongejagt wurde, ist nur möglich, weil er zuvor seinen Rückzug angekündigt hat, auf seine eigene verschlungene Art. Zwei Wochen gibt sich der Noch-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen nun, um die fünf potenziellen Nachfolger und NRW-Landsleute – Friedrich Merz, Jens Spahn, Norbert Röttgen, Ralph Brinkhaus und Carsten Linnemann – zu einer "Teamlösung" zu bewegen. Aber in der Opposition, wo keine Ministerämter und andere Trostpflaster mehr angeboten werden können – also nur noch das Amt des Bundesvorsitzenden und der Fraktionsvorsitz bleiben –, kann das eigentlich nur eins heißen: Mindestens drei müssen verzichten.

Zwischen Merz, Spahn und Linnemann scheint angeblich eine Verständigung möglich: Einer übernimmt die Fraktion, einer den Bundesvorsitz, und Linnemann wird Generalsekretär – diese Idee kursiert. Aber noch ist alles in der Schwebe, noch ist sich jeder selbst der Nächste.

Manche derer, die eine Partei mit 440.000 Mitgliedern in den kommenden vier Jahren durch die Wüste zurück ins Gelobte Land führen wollen, können zum Teil nicht einmal mehr direkt miteinander reden. Da wird Coach Laschet eine Menge Blockaden zu lösen haben. Ralph Brinkhaus ist wild entschlossen, an seinem Posten als Fraktionschef festzuhalten, und will schon deshalb auch Parteivorsitzender werden, weil bislang als unumstößlich galt, dass in der Opposition beides in einer Hand liegen müsse.

Die Partei wiederum habe genug von den "Ichlingen", die doch schon mal verloren hätten und es aber trotzdem immer und immer wieder versuchten, erzählt ein Landesvorsitzender am Rande der Sitzung. Das solle Erneuerung sein, mit den immer gleichen Kombattanten? Gewinnen werde jetzt der, der auch mal zurückstecke. Der Schritt der beiden CDU-Bundesminister Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier, auf ihre Mandate zugunsten jüngerer Abgeordneter zu verzichten, hat da erheblichen moralischen Druck erzeugt.

Armin Laschet hat allen 37 Vorstandsmitgliedern für die kommenden zwei Wochen eine Interviewsperre erteilt. Er wolle die volle Aufmerksamkeit der Medien auf die Stolpersteine in der Ampel-Sondierung zwischen Grünen, FDP und SPD lenken, weg von der Union. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Aus der Sitzung, in der Laschet "aufgeräumt und gelöst" und völlig im Reinen mit einer Zukunft als Hinterbänkler im Bundestag gewirkt haben soll, drang währenddessen kein Wort nach draußen. Das ist schon Jahre nicht mehr vorgekommen.