Ingeborg Schulze, 78 Jahre, hat als Ärztin gearbeitet und lebt in einem Ort bei Leipzig. Sie ist in Christianstadt am Bober geboren. Ihre Enkelin Annelene Schulze ist 24 Jahre alt und lebt in Amsterdam. Ihre Eltern, gebürtige Leipziger, sind kurz nach dem Mauerfall in die Niederlande gezogen. Annelene hat gerade ihr Bachelorstudium in Mathe und Physik abgeschlossen.

DIE ZEIT: Frau Schulze, Sie haben 1945 ihr Zuhause verlassen müssen. Wo war das?

Ingeborg Schulze: In Christianstadt am Bober, heute heißt es Krzystkowice. Ich war drei Jahre alt, meine Erinnerungen sind lückenhaft. Soweit ich weiß, flüchteten wir an einem Sonntag Anfang Februar. Mein Vater stürmte ins Zimmer und rief: "Die Russen kommen!" Meine Mutter musste dann schnell packen. Ich durfte nur meine Puppe mitnehmen. Die habe ich bis heute. Meine Eltern, mein Bruder, meine Schwester, unser Hausmädchen und ich sind alle auf eine Kutsche im Flüchtlingstreck Richtung Westen gestiegen. Wir fuhren zu meiner Tante nach Cottbus, aber als wir ankamen, war das Haus nur noch eine Ruine.