In Frankreich streiken die Lehrer gegen eine neue Schulreform. An ihrer Spitze steht der französische Philosoph Alain Finkielkraut. Widersetzt er sich – wie viele im Land – einer unvermeidlichen Modernisierung?

DIE ZEIT: Muss die Schulreform nicht sein nach dem katastrophalen französischen Pisa-Ergebnis?

Alain Finkielkraut: Die Reform kann kein Ziel in sich sein. Es gibt auch nicht auf der einen Seite die Reformer und auf der anderen die Verteidiger des Status quo. Schule dient der Übermittlung von Wissen und Kultur. Erziehung, das vergessen die Reformfetischisten, ist per Definition konservativ. Sie bietet den neuen Bewohnern des Planeten den Kern einer geistig-kulturellen Tradition. Doch unsere Schule kommt dieser Aufgabe immer weniger nach. Seit einem halben Jahrhundert wird sie von rechten und linken Regierungen reformiert und wird doch immer undemokratischer. Die Einführung der einheitlichen Mittelstufe vor 40 Jahren hat nicht dazu geführt, dass mehr Arbeiterkinder studieren. Stattdessen macht man eine weitere Reform, die das Desaster noch verschlimmert. Ich glaube, jetzt will man unsere republikanische Schultradition endgültig begraben.