Von Wilhelm Bleek

Am 25. März 1984 wurde Johann Baptist Gradl 80 Jahre alt. Seine Parteifreunde und Kenner der bundesrepublikanischen Geschichte werden sich daran erinnern, daß der Christdemokrat Gradl durch sechs Wahlperioden Abgeordneter des Deutschen Bundestages war, 1965/66 an der Spitze des Bundesvertriebenenministeriums stand und schließlich für drei Wochen das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen leitete, bevor das zweite Kabinett Erhard durch die Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger abgelöst wurde.

Doch Gradl ist nicht nur ein elder statesman der Bundesrepublik, er war auch ein Mann der ersten Stunde beim Aufbau des politischen Lebens in der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Gradl hat im Juni 1945 mit Andreas Hermes, Jakob Kaiser, Ernst Lemmer und anderen in Berlin die "Christlich-Demokratische Union Deutschlands" gegründet – das Beiwort Deutschland ist der CDU erst später abhanden gekommen. Als in vieler Hinsicht geschäftsführendes Mitglied des Hauptvorstandes hat er die Absicht der Berliner Gründungsväter der CDU mitgetragen, diese überkonfessionelle christliche Sammelpartei zu einer gesamtdeutschen Organisation mit freiheitlichem und sozialreformerischem Programm zu machen. Gradl hat in seinem autobiographischen Bericht über diesen "Anfang unter dem Sowjetstern" (Köln 1981) dargestellt, wie diese Erwartungen und Hoffnungen am Herrschaftsanspruch der sowjetischen Besatzungsmacht und der deutschen Kommunisten, aber auch an dem Unverständnis und dem Konkurrenzdenken mancher seiner westdeutschen Parteifreunde gescheitert sind. Ende 1947 ist Gradl zusammen mit weiteren neun der 14 Mitglieder des Hauptvorstandes der CDU in der sowjetischen Besatzungszone von der sowjetischen Militäradministration abgesetzt worden und in den Westteil Berlins gegangen.