Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.

Karl Marx

Gebet auf dem Popmarkt

Das seit einigen Monaten liebevoll gehegte Gerücht, die Beatles kämen wieder (siehe auch DIE ZEIT Nr. 19), scheint nun Gewißheit zu werden: Die Pilzköpfe nehmen die Produktion einer neuen gemeinsamen Platte in Angriff. Ihre Trennung 1970, bis heute nicht ganz geklärt, war das Ergebnis von persönlichen Querelen gewesen, von Geldaffären, politischen und musikalischen Divergenzen, ihrem desolaten Management und einem rüden Kommerzgebaren ihrer Vertragspartner. Die Auflösung des Quartetts und die relativ glücklose vierfache Solisten-Phase der Beatles spiegelten exakt den Zustand der Popmusik-Szene wider: Spaltungen, Vereinzelung und Zerfall, schwindende Popularität, die Rückkehr des Jazz, die Auflösung der "Szene" durch Drogen, Jesus- und Indien-Mystik, Mittelmäßigkeit und Stagnation in der musikalischen Qualität. Ist all das wieder zu revidieren? Wird eine neue Blütezeit der Gruppen die Dürreperiode der exzentrischen Einzelgänger ablösen? Der Popmarkt hofft und betet, und die Beatles halten sich noch zurück – in kreativer Abstinenz, hoffentlich.