"Humanismus und Marxismus – Zur Kritik der Verselbständigung der Wissenschaft", von Ernesto Grassi. Ernesto Grassi, Ordinarius für Philosophie in München, hat sein Leben lang für ein besseres Verständnis des italienischen Humanismus gestritten, genaugenommen dafür, daß man ihn als Philosophie ernst nehme, gegen die übliche Praxis der Philosophiegeschichte, Descartes an den Anfang der Geschichte des modernen Denkens zu setzen und im Humanismus eher eine Parenthese in der Entwicklung strenger Denksysteme zu sehen. Der Humanismus, so wiederholt Grassi unermüdlich, ist eine praktische Philosophie, auf Handeln und Weltverhalten gerichtet, und insofern allen Denkansätzen verwandt, die nicht nur den "esprit de geometrie" gelten lassen, den Pascal so nachdrücklich vom "esprit de finesse" unterschied. Es wird also heftig gegen das mathematische Modell der Philosophie zu Felde gezogen, von Descartes bis Hegel; Cicero erhält einen Ehrenplatz, Vico wird ein Vorläufer, und mit Feuerbach ist der volle Durchbruch zur konkreten Philosophie gewonnen. Mit einem hübschen Marx-Zitat aus dessen Abiturientenarbeit ("Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes", 1835) leitet Grassi zum eigentlichen Thema über: "Jene Stände, die nicht sowohl in das Leben eingreifen, als mit abstrakten Wahrheiten sich beschäftigen, sind die gefährlichsten für den Jüngling." Tatsächlich bringt dieser Ansatz mancherlei ein, sogar eine geistreiche Parallele zwischen Marx’ Begriff der Arbeit und Vicos Ausdeutung der antiken Mythen. Vico bringt gegenüber der späteren Verengung, die Marx vornimmt, die menschliche Phantasie als eigentliche Erlöserin des Menschen ins Spiel; darin liegt nach Grassi das Plus, das der Marxismus aus dem italienischen Humanismus übernehmen sollte. Da die Parole vom "Humanismus" seit langem in die marxistische Dogmatik und Rhetorik eingegangen ist, verdient Grassis Versuch, Denkanalogien zu einer konkreten Ausprägung des Humanismus aufzuzeigen, Interesse. Liest man dann anschließend die ausgewählten Texte italienischer Humanisten, die Grassi seiner Abhandlung beigegeben hat, Petrarca, Polizian, Lorenzo Valla, schließlich Vico, so zeigt sich freilich mehr Abstand als Analogie, und von den marxistischen Grundthesen über "Arbeiterklasse" oder "Klassenkampf" kann schlechterdings nicht die Rede sein. Und trotz aller Interpretationsbemühungen Grassis bestätigen gerade die ausgewählten Texte das alte Vorurteil gegen die Humanisten, das schöne Reden sei ihnen über das scharfe Denken gegangen. (Rowohlt Verlag, Reinbek; 274 S., 20,– DM.)