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Ausgabe Nr. 30/1973

DIE ZEIT

Ende des Dienstes

In diesen Tagen nimmt ein ebenso, geschätzter wie gehaßter, lange privilegierter und längst nivellierter Berufsstand Abschied: das deutsche Berufsbeamtentum mit seinen, wie das Grundgesetz sie nennt, "hergebrachten Grundsätzen".

Pflichtübung?

Kritik und Widerspruch sind dort, wo die Macht zu Hause ist, nicht gern gesehen. Die Eigenschaften, die im Vorraum der Macht zählen, sind Loyalität und Gehorsam.

Bleibt uns Hitler nicht erspart?

Im ersten Nachkriegswinter, als Millionen Deutsche keine anderen Sorgen kannten als Kohlen, Kippen und Kalorien, fand der Schriftsteller Ernst Jünger im niedersächsischen Kirchhorst die Muße, sich mit dem Phänomen Adolf Hitler auseinanderzusetzen.

Groteske

Schneller, als beim Trott der Bürokraten zu hoffen war, hat die Affäre Steiner zu Konsequenzen geführt. Der Präsident des badenwürttembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Peter Lahnstein, und sein für Spionageabwehr zuständiger Abteilungsleiter Schülke, sind ihrer Posten vorläufig enthoben worden.

Bölls Protest

Es ist noch gar nicht lange her, da hackte halb Deutschland in scheinheiliger Entrüstung auf Heinrich Böll herum, weil er nicht laut genug gegen die Verfolgung von sowjetischen Intellektuellen protestieren mochte, sondern sich größere Wirkung von leisen Interventionen versprach.

Bestechungs-Affäre: Selbstmitleid und Bekennerfreunde

Wer eigentlich ist Julius Steiner? Auch nach den zweieinhalb Tagen seiner Vernehmung im Sanatorium am Tegernsee sind sich jene, die das vielstündige Frage-und-Antwort-Spiel im parlamentarischen Untersuchungsausschuß mitverfolgt haben, darüber unschlüssig: ein kaltschnäuziger Geschäftemacher, ein politischer Gernegroß oder ein Mann, der durch die Schlüsselstellung, in die er beim Nervenkrieg um die Ostverträge und das Mißtrauensvotum gegen den Kanzler geriet, schlicht und einfach überfordert war? Julius Steiners Charakterbild schwankt weiter, und außerdem ist er für mancherlei Überraschungen gut.

Worte der Woche

"Es hat in den letzten 15 Jahren kaum eine Sommerpause gegeben, in der nicht über Koalitionskrisen spekuliert worden wäre. Was früher das Ungeheuer von Loch Ness für die Sauregurkenzeit war, scheinen nun Koalitionsspekulationen zu sein.

Zeitspiegel

Der libysche Präsident Ghaddafi hat mit seiner Arabomanie ein Eigentor geschossen. Zwar hat er nicht ohne Erfolg versucht, Arabisch als diplomatische Sprache in ausländischen Pässen einzuführen, Arabisch als Diplomatensprache im Ausland hingegen wollen ihm nicht einmal die in der OAU, der Organisation für Afrikanische Einheit, zusammengeschlossenen Staaten durchgehen lassen.

Eine Nuklear-Streitmacht für Europa?

Für manche Europäer der ersten Stunde und für manche Strategen hatte das Thema lange eine erhebliche Anziehungskraft: Ein vereintes Europa – so das Argument der einen – könne ohne eigene, selbständige nukleare Abschreckungsmacht in einer Welt der Supermächte nicht bestehen; eine europäische Nuklearmacht – so die Überlegung der anderen – würde mit einem Schlag europäische Zweifel an der Sicherheitsgarantie Amerikas hinfällig machen und die atlantische Misere, die hinter den Zweifeln zum Ausdruck kommt, beseitigen.

Wie frei ist die FDP?

Die FDP ist, nicht ohne eigenes Zutun, wieder einmal zum bevorzugten Spekulationsobjekt geworden. Wann werden die Freien Demokraten die Koalition aufkündigen? So etwa lautete die, je nach politischem Standort, teils ermunternde, teils besorgte Frage.

Oh, du schöner Westerhof

Alle fragen, ob Julius Steiner, ehemals Bundestagsabgeordneter der CDU und bisher Kronzeuge für den Verdacht, daß die Kanzlerschaft Willy Brandts in der letzten Legislaturperiode nur durch Bestechung gerettet werden konnte, für das Haus eine Reklame oder das Gegenteil davon sei – solche Fragen werden natürlich mit Diskretion übergangen.

Tiergarten: Der Rest ist Unkraut

Das "Filetstück" der West-Berliner Innenstadt steht zur Disposition. In dieser Woche hat der Berliner Bausenat eine Ausschreibung für Architekten veröffentlicht, mit der Vorschläge für die Neugestaltung des Berliner Tiergartenviertels eingeholt werden sollen.

Vernehmung im Sanatorium

Der Untersuchungsausschuß tagte im Sanatorium, die Journalisten hörten vom Schloßcafé aus über Lautsprecher mit: In geschlossener Gesellschaft und doch öffentlich vollzog sich in der vorigen Woche die Befragung des früheren Abgeordneten Julius Steiner, der bei seiner Behauptung blieb, am Tage der Abstimmung über das Mißtrauensvotum im Bundestag (27.

Streit um Wiriyamu

Bisher ist nicht zweifelsfrei erwiesen, daß sich am 16. Dezember 1972, wie die Times berichtete, ein Massaker im nördlichen Moçambique zugetragen hat.

Washington und Bonn einig

Henry Kissinger, der nach eigenen Worten die kontroverse Auseinandersetzung liebt, fühlte sich "dieses Mal entwaffnet". Anlaß des Eingeständnisses war die totale Übereinstimmung in den Gesprächen mit Bonns Außenminister Scheel.

Abhörgeräte bei Nixon

Eine Randfigur des Watergate-Skandals hat der Affäre einen neuen Aspekt verschafft: Nach Aussagen eines früheren Mitarbeiters des Weißen Hauses, Alexander Butterfield, sind in den Arbeitsräumen des Präsidenten und an seinen Telephonen Abhörgeräte installiert.

Argumente für und gegen: Mixgetränke

Bei Mixgetränken im eigentlichen Sinn ist mindestens ein Bestandteil alkoholisch. Es kann hier also nicht um die Enthaltsamkeit von Alkohol gehen – das ist ein anderes Thema –, sondern es wird danach gefragt, ob man ein, wenn schon alkoholisches, Getränk immer nur rein trinken sollte oder manchmal auch mit anderem gemischt.

Zeitmosaik

Das seit einigen Monaten liebevoll gehegte Gerücht, die Beatles kämen wieder (siehe auch DIE ZEIT Nr. 19), scheint nun Gewißheit zu werden: Die Pilzköpfe nehmen die Produktion einer neuen gemeinsamen Platte in Angriff.

Immer nur lächeln die Tele-Miezen

Sie werden die Tele-Miezen genannt, die lächelnden Damen ohne Unterleib, zweibeinige Pausenzeichen, die überflüssigen, aber netten Zugaben und Zwischenspiele des Programms; oder auch "die sympathischen Aushängeschilder" und "die charmanten Visitenkarten" der Fernsehanstalten.

Ein Ort der Einkehr

Als André Malraux vor drei Jahren den Grundstein für das "Staatliche Museum Marc Chagall" legte, schoß aus dem Gedränge ein Maler namens Pinoncelli eine Ladung roter Farbe auf den damaligen Kultusminister des Generals de Gaulle.

Filmtips

"Eine Seite des Wahnsinns" von Teinosuke Kinugasa. Der lange verschollene japanische Avantgarde-Film von 1926 war die große Entdeckung beim diesjährigen Jungen Forum in Berlin.

Kunstkalender

Zur "Hommage à Dürer" 1972 hatte der uralte Picasso selber noch beigetragen. Das Entstehen der Super-Hommage für Picasso selber, die der Propyläen Verlag zu seinem 90.

Oper als finanzielles Kalkül: Memoiren des Met-Direktors

Sein Vater war Industriekaufmann, Direktor eines "österreichisch-ungarischen Eisenkartells"; er selber war "ein schlechter Schüler", das einzige Spiel, das er "recht gut beherrschte", war Tennis; mit siebzehn Jahren lernte er, wie man Schaufenster dekoriert und Bücher verkauft, mit neunundzwanzig, wie man als Abteilungsleiter eines Kaufhauses den Umsatz an Geschenkartikeln und Stilmöbeln, Herrenbekleidung, Glas- und Porzellanwaren und im Frisiersalon erhöht.

Kritik in Kürze

"Humanismus und Marxismus – Zur Kritik der Verselbständigung der Wissenschaft", von Ernesto Grassi. Ernesto Grassi, Ordinarius für Philosophie in München, hat sein Leben lang für ein besseres Verständnis des italienischen Humanismus gestritten, genaugenommen dafür, daß man ihn als Philosophie ernst nehme, gegen die übliche Praxis der Philosophiegeschichte, Descartes an den Anfang der Geschichte des modernen Denkens zu setzen und im Humanismus eher eine Parenthese in der Entwicklung strenger Denksysteme zu sehen.

Die neue Schallplatte

Auf "There Goes Rhymin’ Simon" erinnert nur noch der sozialkritisch gemeinte und am frühen Bob Dylan orientierte Song "American Tune" daran, daß Paul Simon zunächst als Folk Singer populär wurde.

Hotel in Moskau

Diesem Film fehlte zweierlei: Konzept und Kommentar. Zugestanden, es ist aus mehreren Gründen schwierig, an Hand der Lux-Hotel-Geschichte ein dramatisches Kapitel der KP-Geschichte darzustellen.

Ausgezeichnet

Die Weimarer Republik hatte die Orden abgeschafft, die Bundesrepublik schaffte sie wieder an. Ein Orden, meinte Theodor Heuss seinerzeit, sei billiger als ein Kaffeeservice.

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