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Ausgabe Nr. 29/1973

DIE ZEIT

Alarm in den roten Rathäusern

Für die Bürger in den Großstädten der Bundesrepublik war es bisher unmöglich, nicht von der SPD regiert zu werden. Seit einigen Jahren jedoch bemühen sich die Sozialdemokraten mit Erfolg, die Gültigkeit dieses Satzes umzustoßen.

Keine Rollbahn

Euphorie und Begeisterung kamen bei aller diplomatischen Nonchalance und Schäkerei nie auf. Für Träumer und Illusionisten war es weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.

Normale Koalition

Wenn sich früher die Journalisten und Politiker den Kopf über die FDP zerbrochen haben, so war der Anlaß meist die Frage: Wird die Partei überleben? Jetzt schießen wiederum die Spekulationen ins Kraut, freilich aus anderem Grund: Die Liberalen sind durch eine solide Zunahme an politischem Gewicht für die CDU interessant, für die SPD zuweilen ärgerlich geworden.

Kranker Dollar

Wenn das Geld krank ist, mit dem wir über die Landesgrenzen hinweg unsere Schulden bezahlen, wird sehr bald auch die Ordnung infiziert, in der ein freier Handels- und Zahlungsverkehr gedeiht.

Worte der Woche

"Die Deutsche Demokratische Republik würde es begrüßen, wenn die völkerrechtlich bindende Anerkennung der territorialen Realitäten, wie sie sich im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsentwicklung in Europa herausgebildet haben, durch die Sicherheitskonferenz ihre multilaterale Bestätigung finden würden.

Zeitspiegel

Nach Schätzungen einer von Bundesbauminister Vogel eingesetzten Arbeitsgruppe wird der Ausbau Bonns zur Bundeshauptstadt rund dreizehn Milliarden Mark kosten.

Die Legende einer Elite

Westdeutschlands Fluglotsen können fürs erste aufatmen. Ihr oberster Dienstherr, Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen, hat die Drohung der persönlichen Inanspruchnahme aller oder einzelner Bummelstreikteilnehmer für den entstandenen Schaden – noch – nicht wahrgemacht.

Deutsche Mayo-Klinik: Soviel Patienten wie noch nie

Deutsche Mayo-Klinik ist am Ende" (Frankfurter Rundschau), "Trotz guter medizinischer Arbeit für die privaten Aktionäre kein Geschäft" (Süddeutsche Zeitung), "Hessen macht Vorschläge für die Erhaltung des Wiesbadener Diagnose-Zentrums" (Die Welt) So und ähnlich lauteten am vergangenen Wochenende die Meldungen über die Deutsche Klinik für Diagnostik, und Bild fragte: "Muß sie am Freitag sterben?", womit Freitag der nächsten Woche gemeint ist, der 20.

Frühere Aussagen bestätigt

Mit der Vernehmung des Ehepaars Baeuchle und des FDP-Abgeordneten Geldner hat der parlamentarische Untersuchungsausschuß in Bonn in der vergangenen Woche auf zwei Ebenen geprüft, ob sich der Verdacht auf Korruption im Bundestag erhärten läßt.

Namen und Nachrichten

Trunkenheit am Steuer ist jetzt schon bei 0,8 Promille (bisher 1,5) strafbar. Der Bundesrat hat dem Gesetz zugestimmt Auch ohne Unfall kann der Fahrer mit diesem Blutalkoholspiegel seinen Führerschein bis zu drei Monaten verlieren und mit Geldstrafen bis zu 3000 Mark belegt werden.

Vorsichtiger Optimismus in Helsinki

Mit Optimismus erwartet Außenminister Scheel die zweite Phase der europäischen Sicherheitskonferenz (KSZE) in Genf. Sonderbotschafter Brunner präzisierte diese Zuversicht am Ende der ersten Verhandlungsphase in Helsinki: "Auf der Konferenz ist die Bedeutung der menschlichen Kontakte als eines gleichberechtigten Faktors im Entspannungsprozeß deutlicher erkennbar geworden.

Aktuelle Krisenherde

Das Geschehen in Kambodscha spitzt sich auf die Frage zu, ob das Regime Lon Nol überleben kann, wenn die massive Unterstützung durch amerikanische Bombenflugzeuge am 15.

Fluglotsen: Streik untersagt

In der sechsten Bummelstreikwoche hat die Bundesregierung schweres Geschütz gegen die Fluglotsen aufgefahren. Sie erwirkte am Dienstag eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hannover, die es dem Flugleiterverband untersagt, die Bummelstreik-Aktion weiterhin zu fördern oder zu unterstützen.

Filmtips

Im Fernsehen: "Sommersoldaten" (Japan 1972) von Hiroshi Teshigahara (ARD 16. Juli). Wo die amerikanische Vietnam-Dokumentation Winter Soldier unpathetisch Kriegsverbrechen protokolliert und an Hand von Zeugenberichten versucht, deren Motivationen freizulegen, konzentriert sich der Japaner Teshigahara ("Die Frau in den Dünen") in seinem Spielfilm auf einen exemplarischen Einzelfall: die Geschichte eines US-Deserteurs in Japan, dem es nicht gelingt, sich in dem als exotisch begriffenen Milieu zurechtzufinden.

Kunstkalender

Martin Johann Jenisch, erfolgreicher Bankier und verantwortungsbewußter Bürger, war ein Mann, der seiner Zeit um einen knappen, aber entscheidenden Schritt voraus war, und der es verstand, seine Gaben und Güter sowohl zur eigenen Freude wie auch zum allgemeinen Wohl zu nutzen.

Zeitmosaik

Der Luzerner Bürgersohn, der sich schon als Gymnasiast für den Leninismus begeisterte, gilt wegen seiner roten Gesinnung immer noch als schwarzer Fleck auf der weißen Schweizer Weste.

Abroad • Del extranjero • De l’étranger : Novitäten im Nest

Kommt man im Sommer nach Los Angeles und hält Ausschau nach guter Musik, glaubt man in eine verschlafene kleine Provinzgemeinde geraten zu sein: Die Sieben-Millionen-Megapolis mit einer so dichten Konzentration von hochbegabten Musikern, wie es sie in keiner anderen Stadt der Welt gibt, scheint ein Tummelplatz von Amateuren und Musikschülern zu sein und von gelangweilten Künstlern, die in Kirchen, Turnhallen und Museen, in Schulsälen und College-Auditorien vor einem spärlichen Publikum ein sehr gemischtes Programm von sehr gemischter Qualität darbieten, Eintritt meistens frei.

Von ZEIT-Mitarbeitern

Horst Künnemann: "Profile zeitgenössischer Bilderbuchmacher." Keine Kinder- und Erwachsenengeneration war mit einem verwirrenderen Bilderbuchangebot konfrontiert als die gegenwärtige.

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