Von Wolfram Siebeck

Von der Energiekrise wird schon lange geredet. Auch vor anderen Krisen wird ständig gewarnt; es vergeht keine Woche, daß nicht jemand eine alarmierende Rede hält. Die tägliche Ehekrise tut ihr übriges, um uns allmählich gegen jegliches Krisengeschrei abzustumpfen. Bei den Weltuntergangsprognosen des Klubs von Rom reagieren Wir höchstens noch auf das Wort "Rom": Da könnte man eigentlich mal wieder hinfahren ...

Doch seit das Benzin zum dritten Male in kurzer Zeit aufgewertet wurde, schwant manchem Unheil. Gewiß, wenn steigende Preise schon eine Krise darstellen, so haben wir außerdem noch die Milchkrise, die Rindfleischkrise, die Krise der Baumwollhemden und die Rotweinkrise. Von der Briefmarkenkrise ganz zu schweigen. Erst gestern hat der zuständige Minister Ehmke gesagt: "Wir dürfen uns nicht von dem technisch Machbaren faszinieren lassen!" Auf gut deutsch: Auch wenn es technisch möglich ist, einen Eilbrief, der am Samstagmittag am Bestimmungsort ankommt, noch am gleichen Tag zuzustellen – wofür der Absender ja zusätzlich 2 Mark bezahlt hat –, so soll man bloß nicht von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Sonntagnachmittag, 15.00 Uhr, ist auch noch früh genug, um den Empfänger anzurufen und ihn zu fragen, ob er sich den Brief nicht abholen kommen könnte.