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Ausgabe Nr. 13/1973

DIE ZEIT

Hokuspokus

Ist das Verhältnis des Kreml zur Wahrheit – oder nur zur Prawda gestört? Das fragen sich Italiens Kommunisten, deren Parteichef Berlinguer sich letzte Woche in Moskau einen zweieinhalbstündigen, improvisierten Monolog Breschnjews anhörte, ohne einen Einwand gegen die eigenwillige KPI-Linie zu vernehmen.

Der Draht funktionierte

Vielleicht, ist es ein Zufall: In derselben Woche, in der das amerikanische Vietnamkorps sich auflöste und offiziell von Saigon Abschied nahm, hat sich Washington zum erstenmal seit längerer Zeit gegenüber den Europäern wieder kooperativ gezeigt; es wird sich in Zukunft, wenn nötig, an der Verteidigung des Dollars beteiligen.

Frauenmehrheit

Der Beschluß der Bundestagsfraktionen von SPD und FDP, in einem gemeinsamen Gesetzentwurf zur Reform des Paragraphen 218 die sogenannte "Fristenlösung" vorzuschlagen, sichert dem Unternehmen noch nicht die parlamentarische Mehrheit.

Paukenschlag nach langem Schweigen

Nun wird auch die SPD von Führungsproblemen heimgesucht. Brandts Donnerwort, er könne nicht die Verantwortung dafür tragen, wenn sich die SPD von ihrem Wahlprogramm entferne, und Wehners Erklärung, er wolle sein Amt als stellvertretender Parteivorsitzender abgegeben, haben Freund und Feind aufgeschreckt.

Moloch auf Rädern

Ein Spectaculum ist still über die Bühne gegangen: Der Bundestag hat den Gesetzentwurf über die Einführung der 0,8-Promille-Grenze für Autofahrer in erster Lesung ohne Diskussion an seine Fachausschüsse überwiesen.

Bundesgrenzschutz,: Genschers Truppe in der Schußlinie

In Moskau suchen sie nach Abhör-"Wanzen", in Brasilia hüten sie die deutsche Botschaft, in Kairo filzen sie in Lufthansa-Uniform Fluggepäck und Passagiere, auf deutschen Flughäfen kramen sie in den Reisetaschen der Fluggäste, an den Grenzübergängen in Süd, West und Nord kontrollieren sie Ausweise, an der deutschen Grenze Ost stapfen sie mit geschultertem Karabiner die 1400 Kilometer lange Demarkationslinie entlang, nur selten besondere Vorkommnisse beobachtend.

Zeitspiegel

Wo immer es geht, behaupten die DDR-Korrespondenten in Bonn ihr eigenes Staatsangehörigkeitsempfinden. So hat der Korrespondent Götze seine Staatsangehörigkeit beim Bonner Einwohnermeldeamt mit "DDR" angegeben.

Im letzten Sommer trat das Berlin-Abkommen in Kraft. Seitdem ist es ruhig geworden um die Stadt. In steigendem Maße jedoch werden die Berliner unruhig: Soll Westberlin im Brackwasser der Geschichte verkommen – oder findet es eine neue Rolle?: Weltstadt im Hinterhof?

Nirgends ist der Vorfrühling so schön wie in Berlin. Der Himmel ist makellos blau, das Licht glasklar, die Luft frisch. In den Vorgärten von Dahlem und Grunewald spielen die Kinder Ball, und auf dem Rasen, zu Füßen der sonnenbeschienenen Kiefern, hüpfen dicke schwarze Amseln hin und her.

Sehnsucht nach Westminster

Der ehrwürdige Lord Gladwyn beging eine Ungeheuerlichkeit. Nachdem das Plenum des Europäischen Parlaments geraume Zeit über den Text einer Nahost-Resolution debattiert hatte, erhob sich der Abgeordnete der britischen Liberalen und erklärte: "Ich sehe überhaupt keinen Sinn in der Verabschiedung dieser Entschließung.

Aktuelle Krisenherde

Kambodscha steht unter Kriegsrecht, seit der Schwiegersohn des früheren Staatschefs Sihanouk am Samstag mit einem entführten Flugzeug der Regierungstruppen zwei Bomben auf den Regierungspalast des Presidenten Lon Nol in Pnom Penh abgeworfen hat.

Neue Wege in der Nordirland-Politik

Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen hat die britische Regierung in dieser Woche versucht, eine neue Nordirland-Politik einzuleiten: Die Veröffentlichung des programmatischen Weißbuches am Dienstag in London sollte nicht von Bombenanschlägen begleitet werden wie das Nordirland-Referendum am 8.

Rundfunkstreit: Noch lange in der Zwickmühle

Der Rundfunkstreit in Bayern ist beigelegt – doch eine Lösung des Problems ist bislang nicht in Sicht. Nachdem es einer Minderheit politisch interessierter Bürger gelungen war, die Bestrebungen einer Partei mit absoluter Parlamentsmehrheit nach Installierung kommerzieller Rundfunksender zu durchkreuzen, ist die Ausgangslage rechtlich und formell so schwierig, daß niemand so recht weiß, was nun zu tun ist.

Hitler in Schilda

Adolf Hitler, käme er heute, vierundachtzigjährig, nach München, dürfte eines gewiß nicht: nämlich im Cuvillies-Theater aus seinem Erfolgsbuch "Mein Kampf" vorlesen.

Zeitmosaik

Die saarländische Stadt Neheim-Hüsten und ihr Kulturdezernent Dr. Hartwig Kleinholz beweisen, daß kulturelle Aktivität nicht von der Größe der Stadt abhängen muß.

Filmtips

"Harlis" von Robert Van Ackeren. "Der große Diktator" von Charles Chaplin. "T-WOMEN" von Werner Nekes (siehe Seite 20). "Die Dreigroschenoper" von Georg Wilhelm Pabst.

Kunstkalender

Das rotierende Straßenobjekt von Peter Brüning im Treppenhaus könnte vermuten lassen, es handle sich um eine Kunstschau, um die Darbietung von Bildern und Objekten, mit denen sich Künstler zum Thema "Die Straße" äußern.

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