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Ausgabe Nr. 12/1973

DIE ZEIT

Der Stasi liest mit

Drei Redakteure der ZEIT reisten Anfang 1964 in die DDR und veröffentlichten damals den ersten umfassenden Bericht über den anderen deutschen Staat: "Reise in ein fernes Land.

Zurück zur Gaskammer

Die Absicht Präsident Nixons, eine Reihe von Kapitalverbrechen durch Bundesgesetz unter Todesstrafe zu stellen, wird bei der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung Beifall finden.

Worte der Woche

"Links sind alle jene politischen Gruppierungen, die um die Erweiterung der realen Volkssouveränität kämpfen. Nichtkapitalistische Systeme mit einer nichtdemokratisch kontrollierten Funktionärselite sind nicht links.

Zeitspiegel

Die auffälligen Anstrengungen des rumänischen Staats- und Parteichefs Ceausescu, seine Beziehungen zur Sowjetunion zu verbessern – Besuche in Moskau und Prag, Stabsmanöver des Warschauer Pakts im eigenen Lande –, haben womöglich wirtschaftliche Gründe.

Auf dem Marsch zum Sozialismus

Als die Nachricht aus Bergheim an der Erft bekanntgegeben wurde, lagen sich die Jungsozialisten in den Armen. Auf dem Parteitag des SPD-Bezirks Mittelrhein war der 32jährige Juso Günter Schlatter als Nachfolger von Karl Wienand, der durch die Pan-Inter-Affäre gebrandmarkt auf eine Kandidatur verzichtet hatte, zum Bezirksvorsitzenden gewählt worden.

Aktuelle Krisenherde

Die Vereinigten Staaten haben am Montag den Abzug ihrer restlichen Truppen aus Vietnam vorübergehend eingestellt, um damit die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen sicherzustellen.

Kritik am "Maulkorb"-Erlaß

Während sich im innerdeutschen Verhältnis Schwierigkeiten in Anwendungsbereichen des – noch nicht ratifizierten – Grundvertrages zeigen, hat die DDR zugleich beteuert, daß sie "keine schlechten Beziehungen" wünsche (siehe Dokumente der ZEIT).

Argentinien: Peronisten siegten

Bei den argentinischen Wahlen haben, die Peronisten am vorigen Sonntag einen, unerwartet hohen Sieg errungen. Hector Cámpora, Kandidat einer von der peronistischen Partei beherrschten Koalition, erhielt schon im ersten Wahlgang knapp über 49 Prozent der Stimmen, die Wahlauguren hatten ihm bestenfalls 41 Prozent zugestanden.

Lokalzeit: Besser als befürchtet

Werden künftig Betonriesen ihre Schatten auch auf die "Perle des Ammerlandes" werfen? Droht auch am Zwischenahner Meer, dem 526 Hektar großen Binnensee und Erholungsrevier inmitten des oldenburgischen Kerngebietes, ein Ausverkauf der Landschaft zugunsten spektakulärer Wohnbauprojekte oder neuer Kur- und Badeeinrichtungen? Viele Bürger aus Bad Zwischenahn und Umgebung fürchten neuerdings eine "Vermauerung" des Seeufers, die den Blick auf "dat Määr" versperren könnte.

Sicherheits-Transporte: Pannen ohne Folgen

Die "Panzerwagen" der Deutschen Sicherheits-Transporte GmbH (DST) sind so gefragt wie eh und je. Trotz einer ganzen Kette von Diebstählen und Unterschlagungen innerhalb der letzten sechs Monate, an denen auch ehemalige DST-Angestellte beteiligt waren, vermerkt die Firma, deren Aufgabe es ist, Millionenbeträge sicher ans Ziel zu bringen, eine rosige Geschäftslage.

Zeitmosaik

Die Intellektuellen nehmen die Welt gleich zweimal in Anspruch: so wie sie ist und so wie sie sein sollte. Von der Welt, wie sie ist, leben sie, von der Welt, wie sie sein sollte, nehmen sie die Maßstäbe, die Welt zu verurteilen, von der sie leben, und indem sie sich schuldig fühlen, sprechen sie sich frei, ich kenne den Schwindel: Das Pack ist für den Machtkampf ungeeignet.

Ist Macheath noch zu retten?

In Frankfurt, vor ein paar Wochen, anläßlich seines Geburtstages, traten nacheinander mehrere rothaarige Damen in schwarzen Hosenanzügen vor die Fernsehkameras der Nation, um in mehreren Weltsprachen singend zu bekunden, daß Bertolt Brecht vor allem als Textdichter süßsaurer Evergreens sogenannte Unsterblichkeit erlangt habe, in denen die fleischliche Schwäche des Weibes Lebenswerk wird.

Kunst gehört dazu

Der Dirigent hat den Taktstock schon in der Hand, das Orchester schickt sich an, den Musikabend in der Bergener Konzerthalle mit der Uraufführung eines Stückes von einem jungen norwegischen Komponisten zu beginnen, da geht die Tür noch einmal auf.

Die neue Schallplatte: Max Reger

Vor einhundert Jahren, am 19. März 1873, wurde Max Reger geboren. Seine Musik galt noch vor wenigen Jahren sowohl bei den Avantgardisten der Moderne als auch denen des neobarocken Purismus so gut wie nichts – den einen war die spätromantisch verklausulierte Harmonik suspekt wie kaum etwas sonst, den anderen galt die auf raffinierte orchestrale Färbungen ausgerichtete Orgelmusik als Degeneration und Entfremdung eines ehemals hochkultivierten Instruments.

Kunstkalender

Keine didaktische Ausstellung, beschloß und befand Georg Bussmann und engagierte sich eine lustige Person namens Eberhard Fiebig, der sich zu einer Produktionsgruppe Design multiplizierte und das Steinerne Haus am Römer nach dem Prinzip Sesamstraße in ein kinderfreundlich Papiernes Haus verzauberte.

Filmtips

"Harlies" von Robert Van Ackeren (siehe ZEITmagazin Seite 28). "Salz der Erde" von Herbert J. Biberman. "Der große Diktator" von Charles Chaplin.

Loses Glück

Endlich! Endlich die deutsche TV-Show, wie wir sie uns schon so lange wünschen. Endlich jemand mit dem Mut, sich über alles theoretische Gefasel von "Kein Geld" und "Zu teuer" hinwegzusetzen und weit über eine Million auszuwerfen, damit – endlich – neunzig Minuten lang massiert alle jene versammelt seien, die ansonsten immer nur einzeln bundesdeutsches Bildschirm-Glück verbreiten.

Schnoddrig

Ein richtig schickes Thema, Mann, dieser total durchorganisierte und kommerzialisierte Heiratsmarkt in Amerika, dieser "Supermarkt gelenkter Träume": lauter irre komische, blöde, gefühlige und gefühlsbedürftige Johns und Marys auf der Suche nach dem großen Glück, "Kitschorgien auf Kredit", Plastikträume für gepfefferte Preise.

Fernsehen: Große Mühen

Als die Ansagerin Claudia Dören am Sonntag um 17 Uhr 25 die sechste Folge der Forsyte-Saga mit dem Hinweis ankündigte, man werde heute Zeuge eines Dramas sein, weil zwischen Irene Forsyte und Philip Bosinney eine Beziehung entstünde, die, wie Frau Dören in freier Rede bekanntgab, "mehr als verwandtschaftlicher Natur sei", da breitete sich vor den bundesdeutschen Bildschirmen Betretenheit aus: Irene Forsyte mit Philip Bosinney verwandt? Hunderttausende von Zeigefingern huschten ratlos über die Ahnentafel einer englischen Mittelstandssippe; ein paar Sekunden lang bemächtigte sich Ratlosigkeit der Amateurgenealogen zwischen Konstanz und Kiel.

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