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Ausgabe Nr. 11/1973

DIE ZEIT

Ein Mandat für Wandel

In Frankreich ist nach dem ersten Wahlgang alles noch offen. Einen Erdrutsch hat es nicht gegeben. Die gaullistische Mehrheit ist zusammengeschmolzen, die Linke hat zugenommen, den "Reformatoren" ist ein Durchbruch nicht gelungen.

Alte Anklage

Werner Kuhlmann, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, leidet am Bundesgrenzschutz. Das hat er mit seiner Attacke gegen die Truppe und gegen den Bundesinnenminister Genscher aufs neue bewiesen – und bis auf weiteres ist das auch das einzig Greifbare an der seit acht Tagen dauernden Kuhlmanniade geblieben.

Dem Frieden näher?

Auch dieser Wahnsinn hat Methode: das Morden der Terrortruppe vom "Schwarzen September", jenes kleinen, aber gewalttätigen Guerilla-Kerns unter den palästinensischen "Befreiungsorganisationen".

Wunschträume

Ein paar Tage lang stand die Katholische Synoden-Kommission im Ruf, Vortrupp des modernen Katholizismus zu sein. Sie hatte mit einem Zitat Schlagzeilen gemacht.

Zeitspiegel

Die Junge Union (JU) der CDU will bei den Kreistagswahlen in Baden-Württemberg Anfang April in einigen Kreisen eigene Listen aufstellen und sich, was den Christlichen Demokraten einiges Unbehagen verursacht, unter Umständen als "konträrer Partner" der CDU präsentieren.

Worte der Woche

"Wer im Gegensatz zu der Interpretation der Bundesregierung und der Erklärung der Außenminister der Nordatlantischen Gemeinschaft davon spricht, dieser Vertrag mache die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts für alle Deutschen für alle Zukunft unmöglich, der verbaut die Möglichkeit für die künftige Deutschlandpolitik.

Sozialdemokraten: Politische Querschläger

Bundesverteidigungsminister Georg Leber entschuldigte sich jüngst brieflich beim Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Heidelberg für abfällige Bemerkungen, die ein südhessischer Parteigenosse und Landrat über die Stationierungsstreitmacht hatte fallenlassen: Der Sozialdemokrat müsse eigentlich wissen, daß Entspannungsbemühungen noch keine Entspannung seien und "alles, was geeignet ist, die Anwesenheit amerikanischer Truppen in Frage zu stellen, auch diese Entspannungsbemühungen stören muß".

Frankreich: Wahlausgang offen

Ohne eine klare Entscheidung, aber mit erheblichen Stimmenverlusten für das gaullistische Regierungsbündnis und mit Erfolgen für die oppositionelle Linkskoalition aus Kommunisten und Sozialisten ist am Sonntag die erste Runde der französischen Parlamentswahlen über die Bühne gegangen.

Irland: Lynch muß gehen

In der Republik Irland (Eire) haben die Parlamentswahlen zu einem Machtwechsel geführt. Nach 16jähriger Regierung wird die Fianna-Fail-Partei des Premierministers Jack Lynch vom Bündnis der Opposition, Fine Gael und Labour Party (Mitte-Links), abgelöst.

Sioux-Indianer auf dem Kriegspfad

Im Jahre 1890 fand bei Wounded Knee ("Verletztes Knie") an der "Biegung des Flusses" – so der Titel eines Erfolgsromanes über das Schicksal der Indianer – im amerikanischen Bundesstaat Süddakota eines der letzten Gefechte zwischen Indianern und weißen Soldaten statt.

Ungelöste Währungskrise

Nur zwei Wochen nach der Dollarabwertung um zehn Prozent fluteten neue Spekulationsmilliarden nach Deutschland. Die Bundesbank mußte allein am vorigen Donnerstag 2,6 Milliarden Dollar aufkaufen, um die Leitwährung am untersten Interventionspunkt von 2,8350 Mark zu stützen.

Geiselmorde in Khartum

Ein halbes Jahr nach dem Überfall auf die israelische Olympiamannschaft in München hat die radikalste Palästinenser-Organisation, der "Schwarze September", die Weltöffentlichkeit erneut durch Geiselmorde aufgeschreckt.

Aktuelle Krisenherde

In der syrischen Stadt Hama ist nach Angaben der Regierung ein "versuchter Aufstand" niedergeschlagen worden. Bei den Unruhen, die nach libanesischen Zeitungsberichten auch auf die Hauptstadt Damaskus übergegriffen haben, sind – derselben Quelle zufolge – 41 Menschen ums Leben gekommen (nach offiziellen syrischen Angaben vier).

"Vier-Millionen-Ding" in Düsseldorf (II): Kurzer Traum vom Glück

Was bin ich doch für ein Schaf gewesen!" Günter Heinemann, 29 Jahre alt und seit einer Woche wegen des Düsseldorfer "Vier-Millionen-Dings" in aller Munde, zuckte in der holländischen Untersuchungshaft resigniert die Schultern, ließ sich Kugelschreiber und Papier geben und fertigte unter den leuchtenden Augen der aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt herbeigeeilten Kripobeamten drei detaillierte Lageskizzen an: "Da habe ich das Geld vergraben.

"Alice im Wunderland" und die Kinder von heute: Angstträume

Alice ist ein Maßstab, "Alice im Wunderland", geboren 1864. Amerikanische Krimis nehmen das Muster der Verfremdung auf ("Alice im Niggerland"), Londoner Warenhäuser zeigen zu Weihnachten in allen zwanzig oder dreißig Schaufenstern Alice-Szenen, in englischen Literaturgeschichten wird "Alice’s Adventures in Wonderland" als "greatest of all English stories for children" bezeichnet, der französische Regisseur René Clement benutzte Szenen und Helden der Alice mit einer Selbstverständlichkeit in seinem neuesten Film "Treibjagd", die darauf schließen läßt, daß er diese "Phantasiegeschöpfe zwischen Traum und Tod, Phantasie und Gewalt" für allbekannt halten kann – in Frankreich.

Normalisierung zur Disziplinierung?: Am Ende der Piraterie

In seinem satirischen Ostblock-Reisebericht "Beck" schildert John Updike eine manchem westlichen Schriftsteller geläufige Verlegenheit bei der Rußlandreise: Wie verprasse ich die Rubel, die mir als Honorar für die sowjetischen Ausgaben meiner Bücher ausgehändigt werden? In westliche Währungen umgetauscht werden dürfen sie nicht; sündiger Luxus für die Zeit des Rußlandaufenthalts ist nicht zu haben; der Privatbedarf an Pelzmützen, Kameras und Kaviar ist begrenzt.

Zeitmosaik

Während Wolfgang Dem Nachfolger von Edmund Gruber wird, der künftig von London statt aus Tel Aviv für die ARD berichten wird, so ist Wolf Grabendorff bereits in Buenos Aires, um die Nachfolge in der Lateinamerika-Berichterstattung für Dieter Kronzucker anzutreten, der bisher in Caracas saß und nun nach Hamburg geht, als Leiter der "Weltspiegel"-Redaktion und Nachfolger von Winfried Scharlau, der nach Hongkong geht, wo er Günter Müggenburg ablöst, der nach Washington geht als Nachfolger für Klaus Bölling, der Intendant in Bremen wird und Hans Abich ablöst, der nach München in die ARD-Zentrale geht als Chefkoordinator, was bisher Dieter Gütt machte, der als UN-Berichterstatter nach New York geht.

Schallplatten

Béla Bartók: "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" / Igor Strawinsky: "Apollon Musagète"; Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; Deutsche Grammophon Gesellschaft 2530065, 25,– DM Vor gar nicht einmal so langer Zeit hat Karajan die Bartok-Musik bei Electrola eingespielt – die beiden Aufnahmen zu vergleichen, ist hochinteressant.

Kreative Slums

London gehört uns" – dieser Schlachtruf soll die Bürger der einwohnerreichsten Stadt Europas am 1. April in kampfbereiten Scharen auf dem Trafalgar Square versammeln.

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