Von Carl-Christian Kaiser

Als Karl Carstens geendet hatte, schwoll der Beifall in den Reihen der CDU/CSU zur Ovation an. Bei Rainer Barzels Attacken in der Debatte über den Grundvertrag hatte die Akklamation nur wie eine Pflichtübung gewirkt. Nun aber sprangen viele christliche Demokraten auf, um ihren Parlamentsneuling, der nach Statur und Gesichtsschnitt wie ein älterer Prinz Philip wirkt, zu beglückwünschen. In seiner Jungfernrede hatte Carstens der Fraktion aus dem Herzen gesprochen.

Dabei bot diese Rede, genau besehen, wenig Neues. Carstens hatte nur noch einmal einen jener Haupteinwände vorgetragen, den die Union seit jeher gegen die Ost- und Deutschlandpolitik der sozial-liberalen Koalition ins Feld führt: Die Regierung habe 1969/70 die bis dahin gemeinsam mit den Verbündeten vertretenen deutschlandpolitischen Positionen ohne angemessene Gegenleistung des Ostens preisgegeben und sei später nie mehr in der Lage gewesen, dieses Versäumnis .wettzumachen. So sieht Carstens auch den Grundvertrag deutlich von den Folgen dieser Unterlassungssünden gekennzeichnet: Weder seien die menschlichen Erleichterungen klar genug fixiert noch sei das Ziel der deutschen Einheit und der Fortbestand der deutschen Nation befriedigend postuliert worden.