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Ausgabe Nr. 09/1973

DIE ZEIT

Doch kein Wehner

Franz Josef Strauß hat innerhalb weniger Wochen seltsame Wandlungen durchgemacht. Erst verordnete er der Union in einer großen Bundestagsrede außenpolitischen Realismus, bezeichnete den Grundvertrag als unvermeidliche Folge aus den völkerrechtlich einwandfrei gültigen Verträgen von Moskau und Warschau, riet in manchen Gesprächen seinen Parteifreunden von einer Verfassungsklage ab und ließ sich gerne als Wehner der Union feiern.

An der Schwelle zum Frieden

Zwischen Henry Kissingers erster, damals noch geheimer Reise nach Peking im Sommer 1971 und den Verhandlungen, von denen er in dieser Woche zurückkehrte, liegen nur etwas mehr als eineinhalb Jahre – aber die Veränderungen, die in dieser Zeit auf der politischen Bühne Asiens-stattgefunden haben, sind säkularen Ausmaßes.

Nachhut-Gefecht

Parlamentarische Pflichtübungen produzieren selten geschichtliche Momente. Es war der Zwang der Geschäftsordnung, der den Bundestag vorige Woche in die Debatte über den Grundvertrag trieb, nicht mehr die Glut der Leidenschaft.

Berliner Doppelspiel

So haben sich viele Berliner die Normalisierung nicht vorgestellt. Die Bundesregierung hat beschlossen, vom 1. Juli an die Visa-Gebühren von Westberlinern, die nach Ostberlin oder in die DDR fahren, nicht mehr zu bezahlen.

Ein teurer Staat

Auch vor den Wahlen hat Helmut Schmidt kein Hehl daraus gemacht, daß er Steuererhöhungen für unvermeidlich hält. Insofern waren die Beschlüsse des Kabinetts keine Überraschung.

Zeitspiegel

Der Vertrag, den Egon Bahr und Michael Kohl am 21. Dezember in Ostberlin unterschrieben haben, muß sich verschiedene Namen gefallen lassen.

Fliegender Start und Schneckentempo

Die Bonner Koalition ist sich einig darin, daß Europa in dieser Legislaturperiode außenpolitische Priorität haben wird. Dieses Versprechen, in der Regierungserklärung und bei vielen anderen Gelegenheiten verkündet, läßt gewiß das Herz manchen überzeugten Europäers höher schlagen.

Marschall Pétain: Grabraub

Für den französischen Wahlkampf wurde nun auch ein toter Marschall mobilisiert. Der Sarg Philippe Pétains, des Siegers von Verdun, aber auch des französischen Staatsoberhaupts zur Zeit der deutschen Besatzung, wurde aus seiner Gruft auf der Atlantik-Insel Yeu gestohlen.

Sambia: Afrikas Gandhi

Unerwartet hart hat der Präsident von Sambia, Kenneth Kaunda, im Konflikt mit Rhodesien reagiert. Die Regierung der weißen Siedler in Salisbury hatte im Januar die Grenzen nach Sambia sperren lassen, weil afrikanische Partisanen von dort gegen Rhodesien operiert hatten.

Venezuela im Andenpakt

Venezuela hat sich – nach jahrelangem Zögern – in der vergangenen Woche dem Andenpakt angeschlossen. Präsident Caldera unterzeichnete in der peruanischen Hauptstadt Lima, dem Sitz der Andengruppe, den Beitrittsvertrag zu der regionalen Freihandelszone innerhalb der 1960 gebildeten (Gesamt-) Lateinamerikanischen Freihandelszone (ALALC).

Keine neuen Argumente

In sachlicher Atmosphäre und vor schwachbesetztem Plenum hat der Deutsche Bundestag am Donnerstag und Freitag in erster Lesung über den Grundvertrag debattiert und ihn anschließend an die Ausschüsse überwiesen.

Pfarrer in Parteien: Leisetreter?

In einer Epistel an die "lieben Brüder und Schwestern" rechtfertigte der hessen-nassauische Kirchenpräsident Helmut Hild, warum für den mißliebigen DKP-Hirten, Pfarrvikar Rolf Trommershäuser, der Jüngste Tag im Kirchendienst herbeigekommen ist: Nicht die DKP-Mitgliedschaft, sondern Unbelehrbarkeit und persönliche Schwierigkeiten machten die Trennung notwendig.

Pünktliche Polen

Polen hat einen neuen Exportzweig entdeckt: In fast allen Teilen der Welt errichten Polen moderne Industrieanlagen, Häfen, Hotels und Wohnsiedlungen.

Kunstkalender

Aktualität kann man ihm weiß Gott nicht vorwerfen. Aber ist das bereits ein Grund, Asger Jorn auszustellen? Die derzeitige Mode, mit der Nichtaktualität zu kokettieren, ist ebenso komisch wie die Jagd nach dem Aktuellen, die wir ziemlich lange mitzuerleben gezwungen waren.

Filmtips

"Das Glück" von Alexander Medwedkin. Satirisch schildert Medwedkin den Weg eines Bäuerleins aus der Unterdrückung des zaristischen Landwirtschaftswesens in die Freiheit der sozialistischen Kolchosenarbeit.

Zeitmosaik

Seit letztem Juli sitzt der Kolumbianer Carlos Alvarez, seit Dezember der Jugoslawe Lazar Stojanovic in Haft, beide wegen ihrer zum politischen System ihres Landes oppositionellen Filme.

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