Von Wolf Donner

Nach dem, was sie normalerweise in dem Magazin "The New Yorker" über Filme schreibt, wurde man Pauline Kael feinfühlig, aber präzise und kühl nennen. Im vergangenen Oktober, beim New Yorker Film-Festival, ließ sie jedoch ihre bewährte Distanz außer acht: Bernardo Bertoluccis Film "Der letzte Tango in Paris" mit Marlon Brando und der jungen, noch unbekannten Maria Schneider versetzte sie in schwärmerische Euphorie. Und damit fing alles an.

Am ersten Februar sollte der Film für New York starten. Bereits in der Weihnachtsausgabe der "New York Times" ließ der Verleih die Eloge der Kael in großen Lettern auf zwei vollen Seiten abdrucken. Erste Gerüchte aus Frankreich und das (inzwischen wieder aufgehobene) Verbot inklusive Strafandrohung für Produzent, Regisseur und Darsteller in Italien heizten die Stimmung an. Der Verleih gab den "Letzten Tango" für ein einziges mittelgroßes Kino mit einem enorm hochgeschraubten Eintrittspreis frei, und rund 50 000 Karten wurden im voraus verkauft. Fernseh-Kommentatoren wetterten inzwischen gegen den Film und denunzierten ihn, ohne ihn zu kennen, als Pornographie. Einen heißen Kampf um die erste Titelgeschichte gewann das Wochenmagazin "Time" – angeblich mußte es den Sieg mit 400 000 Dollar Schaden durch stornierte Abonnements und Werbeaufträge seiner empörten Leser bezahlen. Und nichtsdestoweniger hatte zwei Wochen später auch "Newsweek" seine Titelgeschichte: "Der heißeste Film."