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Ausgabe Nr. 43/1952

DIE ZEIT

Nazi-Spätlese

Während aus Nordrhein-Westfalen und neuerdings auch aus Schleswig-Holstein die Kunde kommt, daß dort alle Entnazifizierungsakten bis auf die Spruchkammerbescheide vernichtet werden sollen, glaubt die Generaldirektion des NWDR offenbar, die Funkhäuser seien immer noch nazigefährdet.

Gebt sie frei!

Es ist ein höchst zweifelhaftes Verfahren", sagte Bundespräsident Professor Heuss in seiner Rundfunkrede zur Kriegsgefangenen-Woche, "einem Kriegsgefangenen der völkerrechtlichen Garantien zu berauben, indem man ihn in Anklage versetzt.

Das rückwirkende Steuerelend

Wenn die öffentliche Hand ein Drittel des Volkseinkommens beansprucht und wenn ein sehr großer Teil der Bevölkerung zwanzig bis fünfzig Prozent ihres Arbeitsertrages in Form Von direkten und indirekten Steuern beim Finanzamt abliefern muß, dann sollte wenigstens jeder im voraus mit Sicherheit wissen, wieviel er zu zahlen hat.

Moskaus Stabschef war auch dabei

Als beim Besuch des sowjetischen Staatsoberhauptes, Schwernik, in Ostberlin die Vopo-Einheiten zum ersten Male in ihren neuen Felduniformen paradierten, ist die Vermutung laut geworden, daß die Existenz eines "Volksheeres" nun auch bald von der Regierung in Pankow verkündet würde.

Mossadeks schwierige Lage

Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen Persiens zu Großbritannien, der von Mossadek am vergangenen Donnerstag im Radio als Beschluß angekündigt wurde, ist der britischen Regierung zunächst nicht offiziell bestätigt worden.

Der neue Gewerkschaftsführer

Ein kompakter, breitschultriger, schwerer Mann – das ist Walter Freitag, der neue Chef der Gewerkschaften. Als ihm sein Vorgänger, der kleine, bebrillte Christian Fette, der fünf Tage lang in der Berliner "Saarland"-Halle am Funkturm um die Gunst der 356 Gewerkschaftsfunktionäre aus der Bundesrepublik und Berlin gekämpft hatte, unmittelbar nach der dramatischen Kampfwahl gratulierte, mußte er zu dem beinahe um einen Kopf größeren, wuchtigen Chef der Metallarbeitergewerkschaft, Freitag, aufblicken.

Adenauers Ost-Politik

Der Bundesparteitag, den die CDU in Berlin abhielt, war mehr eine Demonstration als eine Auseinandersetzung über die künftige politische Linie der Partei.

ZEITSPIEGEL

Aus Jugoslawien kommt die Nachricht, daß der Kreml in aller Stille das Kominform zu liquidieren gedenke. Die Erklärung der Belgrader "Borba", daß die Provokationspolitik gegenüber Jugoslawien ein Mißerfolg gewesen sei, überzeugt nicht, doch ist es möglich, daß die Nachricht einen Hintergrund hat, weil Kominformpolitik in Moskau heute nicht gefragt ist.

Stalin kann nicht abtreten

Der Bolschewismus ist konventionell geworden. Die alten Mitglieder des Politbüros, stellvertretende Ministerpräsidenten und Marschälle, Ministerpräsidenten und Parteisekretäre der Bundesrepubliken, alle haben sie Aufnahme in das neue Zentralkomitee der Partei gefunden.

Zwischen Donau und Rhein

Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn, hat für die schwere Rolle, die ihm das Schicksal seines Hauses aufgebürdet hat, einen zeitgemäßen Stil gefunden: Er bereist die Länder Westeuropas und Amerika, kennt viele Mächtige der westlichen Welt und kann seine Gedanken über die unsere Zeit bewegenden Probleme dort darlegen, wo sie maßgeblich geformt werden.

"Da war was los!"

Als Armstrong, der Meister des Jazz, in Hamburg spielte (in den anderen europäischen Städten, die er beehrte, soll ein ähnlicher Tumult geherrscht haben), da "war was los".

Cocteau-Premiere in Düsseldorf

AIs dieses Stück, das sich "Bacchus" nennt und von der Maskerade eines Winzerfestes um 1523 in einem deutschen Städtchen, nahe der Schweizer Grenze, handelt, voriges Jahr in Paris uraufgeführt wurde, gab es als Nachspiel eine Pressefehde.

Charlie Chaplin im Rampenlicht

Die Stadt London ist voll von Zelebritäten. In den letzten Wochen kamen Toscanini und sein Jünger Guido Cantelli, da kam aber auch der bejahrte Vaughan Williams aus der Provinz herein, da kam vor allem die sensationelle und aufregende Negertruppe für die Negeroper "Porgy and Bess".

Modell des Jüngsten Gerichts

In dünner Luft sinkt der Siedepunkt. Man kommt mit geringerem Feuer aus, wenn man kodiert will. So wählt Hermann Kasack in seinem neuen Roman einen hochgelegenen Standpunkt, um aus ironischer Distanz die heutige Wirklichkeit einer mitteldeutschen Kleinstadt einem Experiment zu unterwerfen, das auf den Erfahrungen unserer Gegenwart beruht.

Die Krankheit Kierkegaards

Als Kierkegaard vor gut einhundert Jahren den Versuch wagte, die von seinem großen Antipoden Hegel vergessenen oder verdrängten Urgegebenheiten der Sorge, der Einsamkeit, der Angst und der Unerlöstheit für den Menschen wiederzuentdecken, hat er vorweg die ganze Problematik der Ungeborgenheit des modernen Menschen halb dichterisch, halb philosophisch durchreflektiert.

Das Gewissen

Die Zerklüftung des europäischen Kulturraums und seine offenkundige Gefährdung erlegen den heilsamen Zwang auf, die im Politischen dringlich gewordene europäische Koordinierung durch eine Besinnung im Geistigen vom Odium eines bloßen Notstandsunternehmens zu befreien.

Die Jahre der Unruhe

"In habe heute mittag eine ganze Zeit vor dem Spiegel im Badezimmer undurchdringliches Gesicht’ geübt. Jetzt kann ich es. Ich habe mich genau geprüft vor dem Spiegel.

Des Rätsels Lösung: Taschenbücher

Dieses Jahr kommt die "Woche des Buches" (26. Oktober bis 3. November) in eine Zeit, die dem Buch günstiger geworden ist. Eine Umfrage des Instituts für Publizistik in Münster hat ergeben, daß der Deutsche des Bundesgebietes heute durchschnittlich im Monat 6,75 DM für Bücher ausgibt, dagegen nur 3,47 DM für Filmbesuch und nur 2,99 DM für Sportveranstaltungen.

Auf See ist immer Alarm

Bei Romanen, die auf See spielen, noch eigens "Kriegsbücher" zu unterscheiden, zeugt von Gedankenlosigkeit. Ist der Taifun weniger gefährlich als das U-Boot, der Eisberg harmloser als das Bombenflugzeug? Auf hoher See gibt es keine Deckungslöcher und keine rückwärtigen Linien.

Gedicht und Handwerk

In neuerer Zeit hat es zuerst Weinheber provozierend genug herausgestellt: daß "Poet" von "poiein" (machen) kommt. Gedichte sollen gemacht sein! meinte er, gemacht wie ein schmiedeeisernes Gitter.

Das Spiel des blinden Gottes

Italien hat heute eine stattliche Reihe Erzähler von hohem Rang. Werden sie sich ebenso schnell und nachdrücklich in der Weltmeinung zur Geltung bringen können wie der italienische Nachkriegsfilm? Manches spricht dafür, anderes legt ein abwartendes Urteil nahe.

Dürer als Beispiel

Der Verfasser, Direktor der Württembergischen Staatsgalerie in Stuttgart, hat wesentliche Spezialforschungen auf dem Gebiet des Blockbuches und des frühen Holzschnittes veröffentlicht.

Sozialisierung?

Als der neue Vorsitzende der SPD, Erich Ollenhauer, am Eröffnungstage des Bundeskongresses des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin seine Parteirede hielt und erklärte, daß "noch in diesem Jahr eine Gesetzesvorlage der SPD zur Verstaatlichung der Schlüsselindustrien im Bundestag eingebracht wird", wirkte dieser Vorstoß zwar nicht überraschend, wohl aber unangebracht.

Wiegengeschenk

Ein delikates Problem scheint das Ladenschlußgesetz zu werden. Offensichtlich möchte sich niemand daran die Finger verbrennen.

Uhren im Export

Deutsche Uhren haben in der Welt einen guten Ruf. In der Hauptsache werden große Uhren und Großuhrenteile ausgeführt. An der Spitze der Abnehmer steht Europa vor den USA, Asien, Australien und Afrika.

Keiner weiß

Die zum 1. Oktober in Kraft getretene 10prozentige Erhöhung der Altbaumieten macht niemandem Freude – auch den Hausbesitzern nicht.

"Klassenkampf"

Das soziale Klima in den Betrieben und damit in der Praxis des Arbeitsalltags ist anders und besser, als es sich im äußeren Bilde der Auseinandersetzungen der Verbände und Organisationen darstellt.

Träges Hopfen-Exportgeschäft

Die Forderung nach Erweiterung der Hopfenanbaufläche, vom Präsidenten des Bayerischen Brauerbundes auf dem nordbayerischen Brauertag in Nürnberg erneut erhoben und vom Hopfenhandel unterstrichen, ist nicht nur das Ergebnis der Preisentwicklung, sie entspringt vielmehr auch einer Voraussicht, die sich die Hopfenpflanzer noch nicht zu eigen machen konnten.

Hilfe für die Familie durch die Familie

Familienhilfe, staatliche oder private Aufgabe – unter diesem Motto veröffentlichte die "Zeit" in ihrer Nr. 39 Ausführungen zur Frage der Kinderbeihilfen, in denen in Anlehnung an die bereits im deutschen Steinkohlenbergbau durchgeführte Praxis der Vorschlag gemacht wurde, das Problem der Kinderbeihilfen für kinderreiche Familien auf dem Wege einer "unternehmerischen Eigeninitiative" über Ausgleichskassen der einzelnen Wirtschaftsverbände zu lösen.

Aus den Verbänden

Eisenhüttentag 1952 in Düsseldorf, Am 6. und 7. November findet in Verbindung mit der 134. Mitgliederversammlung des Vereins deutscher Eisenhüttenleute der Eisenhüttentag 1952 in Düsseldorf statt.

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